Durchwachsene Aktienmarktperspektiven

Carsten Mumm

Ausgehend von der derzeit schwachen Nachfrage im Industriesektor zeichnet sich ein weiter nachlassender Inflationsdruck ab. Einerseits sinken die Produktionskosten im Zuge fallender Energie- und Rohstoffpreise sowie wieder funktionierender globaler Lieferketten. Andererseits sorgen fehlende Auftragseingänge erstmals seit der Wiederbelebung der Wirtschaft nach dem Corona-Einbruch für sinkende Verkaufspreise in der Industrie. Bei Dienstleistungen stiegen diese zuletzt zumindest weniger stark, während der wichtigste Kostenfaktor der Branche, die Löhne, weiter deutlich zulegten. Damit ist in den kommenden Monaten ein zunehmender Margendruck wahrscheinlich, der für verstärkte Gewinnrevisionen und kurzfristige Rücksetzer an den Aktienmärkten sorgen dürfte.

Auch wenn dadurch einer der wichtigsten Inflationstreiber der letzten Monate relativiert wird, bleiben die meisten großen Notenbanken vorerst bei ihrem restriktiven geldpolitischen Kurs. Entsprechend äußerten sich jüngst Vertreter der Europäischen Zentralbank (EZB), der US-Notenbank Fed und der Bank of England auf dem internationalen Notenbanken-Forum im portugiesischen Sintra. EZB-Präsidentin Lagarde verdeutlichte, dass als Kerninflationstreiber nunmehr die Entwicklung der Lohnstückkosten angesehen wird, denn höhere Löhne bei einer anhaltend hohen Beschäftigung – Unternehmen wollen Belegschaften angesichts des allgegenwärtigen Fachkräftemangels halten – und bei nachgebender Nachfrage lassen diese ansteigen. Damit sind aus Sicht der Notenbanken weitere Leitzinsanhebungen sowie ein längeres Ausharren auf erhöhten Zinsniveaus notwendig, um die Inflationserwartungen auf dem angestrebten Niveau von 2 Prozent zu verankern.

Die deutlich gedämpften wirtschaftlichen Aussichten für die kommenden Monate sprechen allerdings dafür, dass die Inflationsraten bis zum Ende des Jahres eher stärker als von den Notenbanken aktuell erwartet nachgeben könnten. Daher könnte mit Blick auf den Jahreswechsel die Diskussion um mögliche Zinssenkungen im Laufe des ersten Halbjahres 2024 wiederaufkommen. Vor diesem Hintergrund besteht für Aktien nach einer Phase verstärkter Schwankungen in den Sommermonaten die Chance auf eine Stabilisierung der Kurse ab dem Herbst. Damit ist auch das Erreichen neuer Allzeithöchststände bei deutschen und europäischen Aktienindizes möglich, zumal ab 2024 mit einer wirtschaftlichen Stabilisierung zu rechnen ist.

Newsletter vom 5. Juli 2023

Carsten Mumm – Chefvolkswirt und
Leiter der Kapitalmarktanalyse
Privatbank Donner & Reuschel

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