Stagflation: „Sell now, think later“? Nicht bei uns!

„Alle amerikanischen Unternehmen müssen Russland verlassen“, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner Videoansprache vor dem US-Parlament. Denn dieser Markt sei „geflutet mit unserem Blut“. „Die Konsequenzen dieses Wirtschaftskrieges werden wir alle noch lange spüren“, mutmaßte Joseph Kalish, Chefstratege von Ned Davis Research. Und Jennifer Hillman, Rechtsprofessorin an der Georgetown University und Ex-Juristin bei der Welthandelsorganisation (WTO) glaubt, dass „das Handelssystem, wie wir es kennen, auseinanderbricht und der globale Handel in Zukunft in Koalitionen von Gleichgesinnten stattfindet. Hier die Demokratien, dort die Autokratien.“ Kurzum und mit einem Wort: Zeitenwende. Aber kommt nun auch die Konjunkturwende? Ja! Am Freitag wird uns der Ifo-Geschäftsklimaindex mit Macht darauf hinweisen. Wir hören von Stagflation (= stagnierendes Wachstum bei hoher Inflation) und anschließender Rezession, möglicherweise schon ab 2023. Die Zinskurve in den USA deutet so etwas an. Und im Handelsblatt ist zu lesen, dass Deutschland der „Hauptverlierer“ sein wird. Kabelstränge und Weizen aus der Ukraine kommen nicht mehr. Die Rohstoff- und Chinaabhängigkeit sowie die seit Donald Trump eingeleitete De-Globalisierung gefährden unser Erfolgsmodell. Dass unser Wirtschaftsminister Habeck in Katar als Bittsteller für Energie antreten muss, zeigt das ganze Dilemma der Situation. Und vieles wird dann auch herbeigeredet und geschrieben. Dennoch werden wir nicht mit großer Gießkanne Aktien ausschütten, sondern versuchen, mit Augenmaß und aktiver Strategie entgegenzuwirken.

Was sollten Anlegerinnen und Anleger tun? Wir sind der Ansicht, dass die beste Reaktion auf den Krieg in der Ukraine nicht darin besteht, einfach Aktien zu verkaufen. Stattdessen bevorzugen wir eine Strategie, die sich auf Stagflation und Unsicherheiten einrichtet, eine gewisse Absicherung gegen Verluste bietet, aber auf langfristige Renditen ausgerichtet ist. Eine höhere Diversifikation über verschiedene Regionen, Sektoren und Anlageklassen wird umso wichtiger. Ein zu hoher „Home Bias“ (= Übertendenz zu heimatnahen Werten) in deutsche Werte könnte wie oben beschrieben zu einseitig sein, auch weil Europa zu nahe an Russland liegt. Das ist beileibe nicht neu oder innovativ, aber eine Notwendigkeit.

Wir empfehlen also derzeit Maßnahmen, die die konjunkturelle Situation widerspiegelt und gleichzeitig Portfoliorisiken mitberücksichtigt, ohne am Derivatemarkt tätig werden zu müssen.

  1. Liquide bleiben: Es ist immer gut, Cash vorzuhalten trotz erhöhter Inflation, um Panikphasen für Aufstockungen oder Verbilligungen zu nutzen. Das ist leichter gesagt als getan, denn Panik hat ihre Gründe.
  2. Auf Stagflation einrichten: Angesichts des Kriegs und stärkerer inflatorischer Tendenzen kann ein breites Rohstoffengagement (Öl, Gas, Aluminium, Dünger, Edelmetalle) eine wirksame Portfolioabsicherung bieten. Agrarwerte, die für den sparsamen Umgang von Saat und Dünger sorgen können, dürften gesucht sein. Auch Positionen im globalen Gesundheitssektor sehen wir als gute Möglichkeiten zur Reduzierung der Portfoliovolatilität an. Pharmawerte haben sich in der Vergangenheit in konjunkturell schwierigen Phasen aufgrund ihres robusten Geschäftsmodells bewährt.
  3. Auf steigende Zinsen vorbereiten: Trotz der Wachstumsrisiken deutet die US-Notenbank FED an, dass sie eine Anhebung der Zinssätze und die Eindämmung der Inflation als Priorität ansehen. An den Aktienmärkten profitiert der Finanzsektor in der Regel von steigenden Zinssätzen und wertstabile Sektoren (Value) entwickeln sich bei steigenden Zinsen in der Regel besser als Wachstumssektoren (Growth). Aufgrund der Russlandrisiken präferieren wir Versicherungen gegenüber Banken.
  4. Auf die Energiewende ausrichten: U. a. das jüngste Importverbot der USA für russisches Erdöl deutet auf einen verstärkten Fokus auf Energiesicherheit und -unabhängigkeit hin. Der Wunsch nach Energieunabhängigkeit deckt sich mit dem längerfristigen Fokus auf die Reduzierung der CO2-Emissionen. Dies dürfte Investitionen in Greentech (Wasserstoff, Wind, Solar) sowie in Lösungen für saubere Luft und zur CO2-Reduktion zugutekommen. Die aktuelle Energiekrise hat den Trend wiederbelebt und ins Bewusstsein zurückgeholt. Auf Bewertungen der Aktien achten, denn viele machen keinen Gewinn!
  5. Das Zeitalter der Sicherheit scannen: Die russische Invasion dürfte signifikante Auswirkungen auf verschiedene Bereiche der Regierungspolitik haben, da von stärkerer Konfrontationsbereitschaft und Fokussierung auf wirtschaftliche Entflechtung auszugehen ist. Eine Investition in Rüstungsaktien lehnen wir ab. Wir erkennen stattdessen Chancen im technologischen Bereich, unter anderem in der Cybersicherheit und in Basistechnologien wie 5G und Netzinfrastruktur. Auch hier auf Bewertungen achten, denn steigende Zinsen lassen zukünftige Gewinne gerade bei Wachstumswerten geringer ausfallen.

Selten habe ich mich so schwergetan, etwas über Geldanlage mit lockeren Sprüchen und Weisheiten zu schreiben, denn auch in meiner Gemeinde sind die ersten Flüchtlinge angekommen. Die Not und das Leid sind groß. Gesundheit, Freiheit und Sicherheit sind grundlegende Güter. Wohlstand kommt erst dahinter. Da hatte Abraham Maslow eindeutig recht.


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Newsletter vom 23. März 2022

Carsten Brömstrup – Chefanalyst
Oldenburgische Landesbank AG

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