Kann Europa ohne russisches Gas?

Von den Sanktionen, die der Westen gegen Russland verhängt hat, sind die russischen Energieexporte bisher ausgenommen. Gleichwohl ist die Lage so unberechenbar, dass man sich zumindest mit der Frage auseinandersetzen muss, ob Europa auch ohne russische Energie auskäme.

Es war wieder einmal der NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg, der die treffenden Worte fand: „As long as we stand together we are also safe.“ Die drei vergangene Woche abgehaltenen Gipfel von EU, G7 und NATO dienten auch dazu, diese Einigkeit zu erhalten beziehungsweise zu festigen. Der bisherige Konsens ist, nur solche Sanktionen zu verhängen, die man auch dauerhaft durchhalten kann. Daher sind russische Energieexporte noch immer von der Sanktionsliste ausgenommen. Die Situation kann sich aber ändern, sollte Russland beispielsweise chemische, biologische Kampfstoffe oder gar taktische Atomwaffen einsetzen. Auch kann eine Drosselung der Gasexporte nach Europa nicht ausgeschlossen werden, nachdem Putin erklärt hat, nur noch Rubel als Zahlungsmittel für russisches Gas zuzulassen.

Kann Europa also ohne russische Energie auskommen? Das hängt vom Zeithorizont ab. Immerhin stammen rund 37 Prozent des europäischen Gases aus Russland, rund die Hälfte der Kohle und mehr als ein Viertel des Öls. Zusammen macht das etwa 22 Prozent des Primärenergiemix aus. Aufgrund der Vorräte und der Lieferungen aus anderen Ländern sollte man die nächsten Monate auch ohne Energieimporte aus Russland überstehen können. Langfristig plant man sowieso, ohne fossile Brennstoffe auszukommen. In einigen Jahren, wenn man auf dem Weg zur Klimaneutralität weiter fortgeschritten ist, sollte ein Verzicht auf rund ein Fünftel der Primärenergie leistbar sein, zumal dann ja mehr Energie durch Erneuerbare zur Verfügung stehen sollte.

Aber für die kommenden zwei, drei Jahr würde ein Verzicht auf russische Energie sehr schwer fallen. Weniger bei der Kohle, denn diese macht ohnehin nur einen kleinen Teil aus und ist leicht durch Kohle aus anderen Regionen ersetzbar. Zudem steht sie sowieso ganz oben auf der Streichliste der europäischen Energiepolitik. Beim Öl sieht es ähnlich aus. Auch dieses ließe sich durch Öl aus anderen Regionen ersetzen, wenngleich zu einem höheren Preis. Viel schwieriger wird es beim Gas. Das meiste Gas erreicht die EU durch Rohrleitungen, diese lassen sich nicht schnell verlegen. LNG, verflüssigtes Gas, das auch per Schiff transportiert werden kann, steht derzeit nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung und ist überdies deutlich teurer. Hier ist man sicherlich noch mehrere Jahre von russischer Produktion abhängig, auch wenn man plant, die Abhängigkeit in den kommenden Jahren auf ein Drittel zu reduzieren.

Und wenn die Lieferungen doch eingestellt werden, aus welchem Grund auch immer? Nach Modellrechnungen der EZB kostet eine Rationierung des Gases im Umfang von zehn Prozent die Eurozone etwa 0,6 Prozentpunkte Wachstum. Käme es zu einer Kompletteinstellung russischer Lieferungen, muss man davon ausgehen, dass diese nur teilweise ersetzt werden könnte. Dann würde die Eurozone in eine Rezession rutschen und die Inflation (noch) weiter ansteigen.


Newsletter vom 30. März 2022

Dr. Martin Moryson – Chefvolkswirt Europa
DWS

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