Zwei Jahre Inflation: Wie geht es weiter?

Dr. Martin Moryson

Seit dem Beginn des kräftigen Inflationsanstiegs im Sommer 2021, also vor inzwischen zwei Jahren, ist einiges passiert. Zunächst herrschte Unklarheit, ob es sich bei dem rasanten Preisanstieg um ein vorübergehendes Phänomen handeln würde und wie schnell der Spuk wieder vorüber sei. Inzwischen wissen wir: nicht so schnell.

Anfänglich wurde die Inflation, im Grunde das gesamte wirtschaftliche Geschehen, vor allem von Angebotsschwierigkeiten geprägt – den viel beschworenen Problemen in den Lieferketten. Vorprodukte aller Art, insbesondere Halbleiter, waren knapp und teuer, Energiepreise schossen durch die Decke – nicht nur in den USA, sondern auch in Europa, und zwar schon deutlich vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine.

Derzeit sinken die Inflationsraten, vielfach getragen von Basiseffekten. Nur die Kernrate, also jene Rate, an der die Zentralbanken den Erfolg ihrer Geldpolitik messen, macht bisher wenig Anstalten zu sinken. Woran liegt das?

Im Grunde treten – vor allem in den USA – die angebotsseitigen Probleme mehr und mehr in den Hintergrund und die Nachfrage entwickelt sich zum Problem. Die ist nämlich zu stark, getragen vom robusten Arbeitsmarkt und steigenden Löhnen, – und entwickelt sich so zum immer stärkeren Treiber des Preisauftriebs. Anders als bei den vorausgegangenen Angebotsproblemen können die Zentralbanken hier etwas unternehmen: Sie können die Nachfrage drosseln, indem sie die Zinsen erhöhen. Allerdings dauert es etwas, bis die Zinspolitik Wirkung zeigt, zumal viele Kreditnehmer die niedrigen Zinsen genutzt haben, um lange Laufzeiten zu vereinbaren. Das wiederum bedeutet, dass die hohen Zinsen länger als früher brauchen, um ihre restriktive Wirkung zu entfalten. Deswegen werden unserer Meinung nach die Leitzinsen nicht die Niveaus der 80-er Jahre erreichen, aber die Zentralbanken werden die Zinsen viel länger oben halten als früher. Am Ende wird sich die Wirtschaft abkühlen müssen bis hin zu einer Rezession, um die Inflation einzuhegen. Selbst wenn jetzt die eine oder andere schwache Wirtschaftszahl berichtet wird, dürfte das die Zentralbanken nicht von ihrem Kurs abbringen. Es ist vielmehr genau das, was sie wollen.

Newsletter vom 19. Juni 2023

Dr. Martin Moryson – Chefvolkswirt Europa
DWS

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