Vorsätze und Prognosen
Vorsätze und Prognosen – selten erklingen so viele davon wie um den Jahreswechsel. Und: Selten haben sie lange Bestand.
Doch während die Vorsätze meist nur einen selbst betreffen, können Prognosen echten Schaden anrichten: etwa wenn Anleger wegen möglicher Gefahren ihre Aktien verkaufen. Erinnern Sie sich noch? Schon vor zehn Jahren hätte laut Maya-Kalender die Welt untergehen sollen. Dow und DAX haben sich seitdem weit mehr als verdoppelt …
Ob ernsthafte oder abgedrehte Prognosen – letztlich sind sie meist nichts anderes als Raterei. Deshalb macht es mich auch nicht verrückt, wenn der Vermögensverwalter Blackrock für 2023 „die schmerzhafteste Rezession aller Zeiten“ voraussagt. Andere behaupten, es werde an der Börse ein zweites Minusjahr in Folge geben. Das gab es erst viermal seit der Weltwirtschaftskrise 1929. Und das zweite Jahr würde auch noch schlechter werden als das erste. J.P. Morgan wiederum stellt in Aussicht, am Anfang werde das Jahr chaotisch, aber im Verlauf dann besser.
Zugegeben, Prognosen treffen auch manchmal zu. Aber viel häufiger erweisen sie sich als Humbug. Deshalb: Ob die Sterne günstig stehen oder die Tarotkarten Unheil andeuten und vor allem, wenn Börsenexperten etwas vorhersagen – bleiben Sie gelassen. Denn egal, wie viele Daten (oder auch Bauchgefühl und Eigeninteresse) die Propheten in ihre Prognosen einfließen lassen: Sie sind sicherlich in der Lage, die Anleger zu verschrecken. Aber die Entwicklung des neuen Börsenjahrs vorhersehen, das können sie nicht! Auch ich nicht.
Übrigens gibt es eine weitere Prognose, resultierend aus einer altbekannten Börsenregel. Diese prophezeit, dass die ersten Handelstage des Jahres aussagekräftig für die weitere Richtung des Gesamtmarkts im restlichen Jahr sind. Da drücke ich doch mal für uns alle ganz stark die Daumen, dass diese Prognose zumindest für 2023 zutrifft, schließlich ging die erste Handelswoche des neuen Jahres beim DAX mit deutlichen Kursanstiegen zu Ende.


Newsletter vom 11. Januar 2023
Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
Stuttgarter Aktienbrief „Börse Aktuell“
8 Milliarden Konsumenten
In der Steinzeit war noch viel Platz: Gerade mal fünf Millionen Menschen lebten damals auf der ganzen Erde verstreut. Um das Jahr 1800 herum erreichte die Weltbevölkerung dann aber ihre erste Milliarde. Und als ich 1962 geboren wurde, waren es schon über drei Milliarden Menschen. Nun jedoch springen sogar schon acht Milliarden Frauen, Männer und Kinder auf dem blauen Planeten herum. Ich geb’s zu: Ich habe nicht nachgezählt, aber laut Vereinten Nationen wurde diese Schwelle im November überschritten.
Trotz aller bekannten Nachteile, die mehr Erdenbewohner mit sich bringen, beeindruckt diese Entwicklung. Die Menschen haben es geschafft, als Art zu überleben. Sie haben die Kindersterblichkeit drastisch verringert und das Viel-Älter-Werden ermöglicht. Gegen immer neue Krankheiten wurden immer neue Medikamente entwickelt, auch die Nahrungsmittelproduktion konnte massiv gesteigert werden, um mehr Leute satt zu bekommen.
Und für uns Börsianer bedeuten mehr Menschen natürlich vor allem eines: mehr Konsumenten. Ob Europäer, Amerikaner, Afrikaner, Asiat oder Australier – jeder neue Mensch kurbelt den Verbrauch an, trägt seine Leistung zur Wirtschaft bei und ermöglicht es Unternehmen, mehr zu verkaufen und somit ihre Gewinne zu steigern. Mehr Menschen sind deshalb eine Urkraft für das Wachstum und steigende Börsenkurse.
Wer nun Sorgen hat, dass die Bevölkerungsexplosion demnächst enden könnte, den kann ich beruhigen. Die meisten Schätzungen sagen mindestens noch für 60, 70 Jahre eine Zunahme der Weltbevölkerung voraus – das dürfte für die große Mehrheit der heutigen Anleger reichen, um mit Aktien Gewinne zu machen. Irgendwann werden wahrscheinlich zehn Milliarden Erdbewohner Windeln vollmachen (Procter & Gamble), Kaffee trinken (Starbucks) und neue Hüftgelenke (Stryker) brauchen.
Vielleicht kann man bis dahin einem Gelenk sogar beibringen, sich selbst zu erneuern, Wüsten werden womöglich begrünt, vielleicht wird sogar der Mond bevölkert oder der Mars. Und sicher findet man neue Möglichkeiten, die Umweltverschmutzung zu verringern. Der Fortschritt wird jedenfalls weitergehen und es werden noch viele Dinge entwickelt, die sich heute nicht mal die fantasievollsten Futuristen vorstellen können. Die Menschen werden auch mit künftigen Herausforderungen, Krisen und Krankheiten zurechtkommen, da bin ich mir sicher. Ich bleibe deshalb Optimist und voller Überzeugung rate ich dazu, weiter Aktien zu kaufen – Ihnen, Ihren Kindern und auch Ihren Enkeln!

Newsletter vom 07. Dezember 2022
Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
Stuttgarter Aktienbrief „Börse Aktuell“

Schwankungen aushalten
Selbst bei Aktien von grundsoliden Unternehmen muss man immer wieder Rückschläge aushalten, um von der langfristig positiven Entwicklung zu profitieren. Deshalb gilt auch in diesen Tagen: Qualitätsaktien kaufen und liegen lassen ist im Grunde sehr einfach, aber nicht immer ganz leicht – gerade in der heutigen Zeit fällt es manch einem ganz besonders schwer …“
In Zeiten von Krieg, Rohstoffknappheit, hoher Inflation und geradezu explodierenden Energiepreisen, fällt es vielen Börsianern sehr schwer, zumindest an der Börse einen klaren Kopf zu behalten. Im März vor zwei Jahren – inmitten der Coronavirus-Panik – war dies für viele Börsianer mindestens genauso schwer. Deshalb werde ich auch in schwierigsten Börsenzeiten nie müde, Sie immer mit meinem Credo
aufzumuntern: „Die Welt wird nicht untergehen!“
Als im Frühling 2020 der Dow Jones von 29.000 auf 19.000 Punkte in die Tiefe rauschte, rutschte auch vielen gewieften Börsenprofis das Herz in die Hose. Mit schlotternden Knien hieß es auch damals: „Dieses Mal ist wirklich alles ganz anders.“ Eines war dann tatsächlich anders: das Tempo der Erholung. Eine so beeindruckende Aufholjagd hat nämlich noch keiner erlebt, in nicht einmal zwei Monaten waren wieder 10.000 Punkte wettgemacht. Mehr noch, anschließend ging es weiter zu neuen Höchstständen bei fast 37.000, um jetzt in der aktuellen Krise doch wieder auf rund 30.000 Punkte zurückzufallen.
Drei Schritte vor, zwei Schritte zurück. Es geht hin und her, rauf und runter – aber unter dem Strich wackelt sich die Börse nach oben. Die Kunst des erfolgreichen Anlegers ist es, diese großen und kleinen Schwankungen (wodurch auch immer verursacht) nicht etwa auszunutzen, sondern auszuhalten! Wichtig: Bei Aktien von langfristig wachsenden Unternehmen ist es nicht so sehr entscheidend, wann man kauft, sondern was man kauft! Denn mit einem vernünftig gestreuten Depot an Qualitätsaktien und einer großen Portion Disziplin und vor allem Durchhaltevermögen kommt man durch alle Krisen. Und besonders mutige Anleger stocken sogar jetzt ihre Wachstumswerte auf, genauer gesagt, kaufen neue Papiere dazu. Denn sie wissen: Auf dem langfristigen Weg nach oben sind Schwankungen völlig normal.

Newsletter vom 19. Oktober 2022
Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
Stuttgarter Aktienbrief „Börse Aktuell“

Liegt das Tief schon hinter uns?
„Die Pessimisten haben die Schlagzeilen, die Optimisten die Gewinne.“ So lautet seit Jahrzehnten einer meiner Leitsprüche. Denn gerade wenn die meisten Anleger Schwarzsehen und die Kurse entsprechend nachgegeben haben, bieten sich oft die besten Gelegenheiten zum Aktienkauf. Aber wie misst man eigentlich Pessimismus? Gibt es einen Indikator, der zuverlässig den Anteil der Trübsalbläser am Aktienmarkt zeigt, und lässt sich damit vielleicht abschätzen, wann das Krisentief erreicht ist?
Schön wär’s! Aber den einen funktionierenden Pessimismus-Messer gibt es nicht. Allerdings: eine ganze Latte von Hinweisen. Wenn zum Beispiel wie jetzt auch viele Qualitätsaktien 20 bis 40 Prozent unter Allzeithoch stehen, deutet das nicht gerade auf überschäumende Euphorie hin, sondern eher auf eine ordentliche Portion Pessimismus. Und wenn in der Bild-Zeitung Schlagzeilen auftauchen wie „Crash-Angst an der Börse!“ wird ebenfalls klar, dass die Schwarzseher Hochkonjunktur haben.
Natürlich gibt es auch Indikatoren, die die Gemütslage der Anleger viel wissenschaftlicher angehen. Das Put-Call-Ratio etwa misst, wie viele Börsianer mit Hebelpapieren auf fallende oder auf steigende Kurse wetten. Bereits im Juni hat dieses Angst-Gier-Barometer so pessimistisch ausgeschlagen wie seit dem Coronatief nicht mehr.
Spannend sind auch Umfragen, beispielsweise eine unter US-Privatanlegern, die seit Jahrzehnten durchgeführt wird. Sie zählte zuletzt so viele ängstliche Kleinaktionäre wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Auch professionelle Anleger werden regelmäßig über ihre Stimmungslage ausgequetscht. Die Bank of America befragt jede Woche über 250 Fondsmanager. Jüngstes Ergebnis: Die Milliardenverwalter horten so viel Bares wie zuletzt 2001.
All das deutet meiner Meinung nach auf jede Menge Pessimismus hin – und damit vielleicht auch darauf, dass das Krisentief nicht mehr weit ist (oder sogar schon hinter uns liegt). Genau werden wir es wie immer erst im Nachhinein wissen und den Tiefpunkt beim Kauf erwischt man ohnehin nie. Wer aber jetzt bei Qualitätsaktien zugreift, bekommt viele Titel weit günstiger als noch am Jahresanfang – und wird eines Tages ebenfalls sagen können: „Die Pessimisten haben die Schlagzeilen, die Optimisten die Gewinne!“

Newsletter vom 27. Juli 2022
Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
Stuttgarter Aktienbrief „Börse Aktuell“

Als Lehrgeld abhaken und solide werden
Gebetsmühlenartig habe ich in den letzten Jahren die vielen Neubörsianer davor gewarnt, ihr ganzes Geld auf heiße Trendaktien zu setzen. Leider haben sich meine Befürchtungen inzwischen bewahrheitet – noch ist es für die Börsenneulinge aber nicht zu spät!
In den letzten zwei Jahren habe ich mehrfach meine Freude über die gestiegenen Aktionärszahlen in Deutschland zu Papier gebracht – gleichzeitig aber auch meine große Befürchtung, dass viele der Neulinge den komplett falschen Weg eingeschlagen haben.
Ein Zitat von mir selbst aus dem letzten Jahr: „Ob mit hochriskanten Techaktien, Pleitefirmen oder mit Hebelprodukten: Der nächste ,Trade‘ ist immer nur einen Fingerstreich auf dem Handy entfernt. Die heißen Tipps holt man sich aus Chatgruppen oder Internetforen, wo die haarsträubendsten Aktien in die Höhe gejubelt werden.“
Inzwischen haben sich meine Sorgen um die jungen Wilden leider bewahrheitet. Denn während sich solide Aktien in den Turbulenzen der letzten Monate wacker schlugen (Dow Jones und STOXX stehen nur 10 bzw. 5 Prozent unter ihrem Hoch), sind die heißen Trendaktien der letzten Jahre dramatisch abgestürzt.
Ob Kurzzeit-Corona-Profiteure wie Teamviewer, Zoom oder Peloton, ob vermeintliche Wasserstoff-Raketen wie Plug Power oder FuelCell, ob Impfstoff-Überflieger wie Biontech und Moderna, ob die im Internetforum Reddit hochgejubelten Titel GameStop oder AMC – sie alle notieren heute 60 bis 99 Prozent unter Höchstkurs! Von den ganzen neumodischen SPAC-Konstrukten ganz zu schweigen.
Natürlich: Auch bei den von mir favorisierten Global Playern hat es die letzten Monate einige Aktien böse erwischt. Doch im Gegensatz zu fast allen Hype-Aktien erwirtschaften diese Unternehmen seit Jahren durchweg steigende Gewinne – und dürften in Zukunft noch mehr verdienen. Hier sollte es also nur eine Frage der Zeit sein, bis die Kursrückschläge aufgeholt werden. Bei vielen Trendaktien hingegen habe ich allergrößte Zweifel, ob sie jemals wieder ihr Allzeithoch sehen.
Ich kann mich deshalb nur wiederholen: Finger weg von Trendaktien! Auch wenn die Geschäftsmodelle noch so verlockend klingen, die Zukunftsaussichten noch so rosig scheinen, das Umsatzwachstum noch so phänomenal ist und die Kurse so steil nach oben gehen, dass man einfach um jeden Preis dabei sein will: In den allermeisten Fällen kommt man zu spät und die Spekulation geht in die Hose.
Für die gebeutelten Neubörsianer hoffe ich inständig, dass sie das Ganze unter der Rubrik Lehrgeld abhaken können und nun den Weg zu einer soliden Anlagestrategie mit Qualitätsaktien finden.

Newsletter vom 04. Mai 2022
Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
Stuttgarter Aktienbrief „Börse Aktuell“

Global Player für den Weltfrieden
Als ich vor 60 Jahren das Licht der Welt erblickte, war die Welt noch eine andere. Es gab nicht einmal halb so viele Menschen auf diesem Planeten, meine Eltern bezahlten mit der D-Mark und die Ukraine war noch Teil der Sowjetunion. In diesen Tagen jedoch will Russland das Rad der Geschichte zurückdrehen. Und wir alle wissen nicht, wie das ausgeht.
Aber wir erleben auch auf der anderen Seite Spektakuläres: Der Westen schießt nicht mit Kugeln zurück, der Westen reagiert mit Abscheu und Abwendung. Allen voran die Global Player der Weltwirtschaft. Wurden sie in der Vergangenheit wegen anderer Dinge auch oft gescholten, zeigen sie jetzt klare Kante: McDonald‘s macht alle seine 847 Filialen in dem Riesenreich dicht. Starbucks, Yum, Pepsi und Coca-Cola ziehen mit. Apple und Samsung stellen den Verkauf ihrer begehrten Smartphones dort komplett ein, Netflix schaltet ab, Mastercard und Visa boykottieren, LVMH, Ikea und H&M sagen Stopp, BMW und Mercedes haben den Export und die Produktion vor Ort beendet. Microsoft, SAP, Oracle und Intel frieren ihre Aktivitäten ein. BP, Shell und Exxon stoßen russische Beteiligungen ab. Airbus und Boeing liefern keine Ersatzteile mehr. Und täglich stoßen Unternehmen dazu, die zeigen, dass es so nicht geht.
Auch wenn es den Firmen wehtut, es Umsatzeinbußen bedeutet, vielleicht sogar milliardenschwere Abschreibungen und aktuell auch mitunter schmerzhafte Kursrückgänge – das ist der Preis für Frieden und Freiheit, den die Konzerne bereit sind, zu zahlen. Und ein bisschen stolz als Besitzer solcher Aktien dürfen wir ruhig auch sein. Denn gerade wir – wenn auch meist nur Kleinaktionäre – unterstützen durch unsere gemeinsame Investition und unsere Treue zu den Aktien eben auch die freie Weltwirtschaft. Zum Glück können wir uns das auch leisten, weil wir eben nicht auf russische Aktien setzen oder auf Werte aus ähnlichen Ländern. Aktien der westlichen Global Player sind keine hochriskanten Spekulationen, diese Aktien können Sie weiterhin kaufen und verkaufen; die Börsen im Westen sind nicht geschlossen. Und wenn keiner auf den Atomknopf drückt, werden sich die Kurse auch wieder erholen.
Passend dazu will ich aus einem Leserbrief an mich zitieren, den ich vor ein paar Tagen erhielt: „Das Wort Krise besteht im Chinesischen aus zwei Schriftzeichen. Das erste ist das Symbol für Gefahr, das zweite für Chance!“ Und genau so ist es: Jede Krise birgt auch eine Chance – für Börsianer dieses Mal sogar gleich zwei: günstiger an Aktien ranzukommen und mit einem Kauf die Global Player zumindest ein wenig in ihrer Mission zu unterstützen.
Die Freiheit nehmen wir uns!

Newsletter vom 16. März 2022
Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
Stuttgarter Aktienbrief „Börse Aktuell“

Geld oder Leben?
Wie viel seines Geldes soll man eigentlich in Aktien stecken? Eine wichtige Frage – und jeder beantwortet sie anders. Da reichen die Meinungen von „kleine Restbeträge“ bis hin zu „alles, was geht“.
So gibt es seit einiger Zeit eine wachsende Bewegung namens „fire“. Diese vor allem jungen Menschen sind von den Möglichkeiten der Börse begeistert und deshalb felsenfest überzeugt, dass sie schon mit Mitte 40 in Rente gehen werden. Dafür schränken sie ihr Leben massiv ein und sparen sich buchstäblich jeden Cent vom Munde ab, um ihn in Aktien zu stecken.
Andererseits kenne ich auch Anleger, die maximal das Weihnachtsgeld an die Börse tragen, weil sie sich gern Urlaube, Restaurantbesuche oder ein schönes Hobby gönnen. Beides geht aus meiner Sicht in Ordnung. Das Wichtigste ist, dass man mit seiner Investmentstrategie gut schlafen kann. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle vor einer falschen Einschätzung der Börse warnen – und das gilt in beide Richtungen!
Wer schon die Rente mit 40 vor Augen hat, weil er auf allzeit hohe und verlässliche Aktienrenditen setzt, der könnte enttäuscht werden. Schließlich gibt es am Aktienmarkt keine Garantien, schon gar nicht mit den falschen Titeln im Depot. Die meisten, die im Jahr 2000 im Überschwang all ihr Geld am Neuen Markt investiert haben und schon innerlich gekündigt hatten, arbeiten heute immer noch. Und auch künftig kann es natürlich jederzeit eine Phase ohne steigende Kurse geben. Wer dann die finanzielle Freiheit dahinschwinden sieht, gerät leicht in Panik und macht umso eher Fehler.
Auf der anderen Seite ist es aber auch bedauerlich, wenn manche Menschen die Börse weit unter ihren finanziellen Möglichkeiten nutzen. Zum einen, weil mit den richtigen Aktien im Depot die Kurse auf lange Sicht weitersteigen dürften, zum anderen wegen der Dividenden. Je mehr Aktien im Depot liegen, desto mehr Gewinnbeteiligung kassiert man logischerweise. Legt man dieses Geld regelmäßig zusätzlich wieder an, dann entsteht über die Zeit ein regelrechter Zinseszins-Turbo im Portfolio. Es lohnt sich also doppelt und dreifach, wenn man tatsächlich verfügbares Geld auch wirklich in Aktien steckt!
Geld oder Leben? Diese Entscheidung muss beim Investieren letztlich jeder für sich selbst treffen. Als langjähriger Börsenpraktiker möchte ich Ihnen aber folgenden Tipp mit auf den Weg geben: Halten Sie die Börse nicht für berechenbar, aber wissen Sie um Ihre langfristige Kraft – und nutzen Sie diese! Denn dann haben Sie irgendwann hoffentlich viel Geld UND können gut leben …
In diesem Sinne
Ihr
Joachim Brandmaier

Newsletter vom 28. Juli 2021
Joachim Brandmaier–Börsenpraktiker
Stuttgarter Aktienbrief „Börse Aktuell“

Denken Sie wie ein Unternehmer
Die Kluft zwischen Pessimisten und Optimisten hat sich zuletzt noch einmal vergrößert: Die einen jubeln über milliardenschwere Konjunkturprogramme und Kursanstiege, die das Jahr bringen soll, die anderen jammern immer mehr, die Erholung stehe auf tönernen Füßen und die Aktien müssten fallen.
Beide Seiten haben gute Argumente. Die nicht investierten Jammerer behaupten, dass die Kurse zu viel vorwegnehmen, utopische Bewertungen vorherrschen und dass alles sowieso nicht mehr lange gut gehen könne. Die Jubler hingegen sehen vor allem das Positive, wovon es wirklich viel gibt: Nach der Rezession stehen die Zeichen jetzt wieder auf Wirtschaftswachstum, die Impfungen sind angelaufen, in den USA dürfte es weniger Störfeuer aus der Politik geben, unglaublich viel Geld sucht nach guten Anlagemöglichkeiten – und findet sie vor allem an der Börse!
Natürlich lese ich als Optimist die zuversichtlichen Prognosen auch lieber. Aber: Ganz gleich, was irgendwelche Analysten, Charttechniker oder sonstigen Glaskugelleser gerade propagieren, Sie als Anleger sollten nicht darauf reagieren. Erstens natürlich, weil deren Meinung schon morgen wieder umschlagen kann. Zweitens, weil die bekannten Fakten in der Regel bereits in den Kursen enthalten sind. Drittens aber, und das ist entscheidend: Wenn Sie immer der gerade vorherrschenden Meinung hinterherspringen, dann ist das keine Strategie. Sie müssen dann ständig überlegen, ob gerade die Jubler oder die Jammerer die besseren Argumente haben, und dementsprechend kaufen oder Ihr Depot räumen. Sich langfristig an der Entwicklung eines Unternehmens zu beteiligen, wäre Ihnen nicht möglich.
Meine Empfehlung: Machen Sie es stattdessen wie der Unternehmer selbst. Der überlegt auch nicht alle drei Tage, ob er seine Firma lieber mal verkauft oder doch weitermacht. Entscheiden Sie sich fest für eine Seite – und zwar für die der weitblickenden Optimisten. Kümmern Sie sich nicht darum, was Jubler und Jammerer gerade brabbeln und für das laufende Jahr hellsehen. Überlegen Sie sich stattdessen, wo die Kurse in zehn oder zwanzig Jahren stehen können. Das wird bei guten Unternehmen sehr wahrscheinlich höher sein als heute. Vielleicht sehr viel höher. Und das nutzt Ihnen nur etwas, wenn Sie auch Aktien haben …

Newsletter vom 17. März 2021
Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
Stuttgarter Aktienbrief „Börse Aktuell“

Danaher statt Dollar
Erinnern Sie sich an die Eurokrise? Es ist erst ein paar Jahre her, dass viele Experten den Euro allenfalls noch Monate vom Zusammenbruch entfernt sahen – mit Italien und Griechenland als den ersten Dominosteinen. Der Dollar dagegen stand damals fest wie eine Burg und schien die einzige echte Weltwährung zu sein. Es kam dann aber wieder mal anders als gedacht. Der Euro hat nicht nur überlebt, er notierte in den ersten Januartagen sogar auf dem höchsten Stand seit mehreren Jahren. An den Finanzmärkten ist die Gemeinschaftswährung gefragt wie lange nicht.
Das zeigt einmal mehr, dass Währungsprognosen oft das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben werden. Was wurde in der Vergangenheit nicht alles über die weitere Entwicklung von Euro und Dollar philosophiert und gestritten! Heute aber ist ein Euro praktisch genauso viel Dollar wert wie schon bei seiner Einführung vor 20 Jahren. Ein Anleger, der damals US-Aktien gekauft hat, hat somit durch Währungsschwankungen weder groß gewonnen noch verloren.
Aus gutem Grund setzen langfristig investierende Börsianer nicht auf den Dollar, den Euro, das Pfund oder den Schweizer Franken – sie investieren in Unternehmen! Etwa in Danaher, SAP, Reckitt Benckiser oder Nestlé. Denn es sind die Konzerne, die mit innovativen Ideen, attraktiven Produkten und immer höherer Produktivität echte Werte schaffen. Hier spielt für Anleger die Musik. Währungen übernehmen da allenfalls die zweite Geige.
Sicher, wer sich unbedingt exotische Titel aus Russland, Asien oder Südamerika ins Depot laden möchte, der erfährt in vielen Fällen recht bald, wie es sich anfühlt, wenn einem dauerhaft der Währungsgegenwind ins Gesicht bläst. Selbst wenn da mal eine Aktie dabei ist, bei der der Kurs ordentlich steigt: Die Währung fällt allzu oft noch schneller. Wer aber ein gut gemischtes Depot aus europäischen und amerikanischen Titeln sein Eigen nennt, der dürfte weiterhin ruhig schlafen können – und muss sich für Währungsschwankungen höchstens im Urlaub interessieren.
Joachim Brandmaier-Börsenpraktiker
Stuttgarter Aktienbrief „Börse Aktuell“
