KI-Aktien im Korrekturmodus

Die Eskalation des Irankonflikts hat seit März für sinkende Wachstumserwartungen, steigende Inflation und höhere Zinsen gesorgt. Trotzdem haben sich viele Aktienindizes sehr positiv entwickelt, bis vor kurzem maßgeblich angetrieben durch das Investmentthema Künstliche Intelligenz (KI).
Einerseits sorgen die milliardenschweren Investitionen, der sogenannten „Hyperscaler“, also der US-Tech-Unternehmen, die ihre KI-Infrastruktur mit hohem Tempo ausbauen, um im Rennen um die leistungsfähigsten KI-Dienstleistungen ganz vorn dabei zu sein, für eine nennenswerte gesamtwirtschaftliche Nachfrage. In diesem Jahr werden allein von Microsoft, der Google-Mutter Alphabet, dem Facebook-Konzern Meta, Amazon und Oracle Investitionsausgaben von rund 750 Mrd. US-Dollar erwartet. Profiteure sind neben Produzenten von Halbleitern wie Nvidia auch klassische Industrien, wie Versorger, Anbieter von Technologie-Equipment, Rohstoffunternehmen oder Baudienstleister, die am Bau von Datencentern beteiligt sind. Um die hohen Investitionssummen zu finanzieren, mussten die Tech-Unternehmen ihre Finanzen neu strukturieren. Anstatt wie bisher Liquidität zu horten, hohe Dividenden auszuschütten und Aktien zurückzukaufen, wurden sowohl Aktien als auch Anleihen emittiert. Besonders aufsehenerregend war im Juni der Börsengang von SpaceX, dem auch in punkto KI ambitionierten Raumfahrtunternehmen von Elon Musk.
Zudem wird versucht, schon heute die Auswirkungen der Implementierung von KI in bestehende Geschäftsprozesse auch außerhalb des Tech-Sektors einzupreisen. Idealerweise entstehen dadurch Produktivitätsgewinne und damit höhere Outputs bei gleichem oder geringerem Einsatz von Kapital und Arbeit. Andererseits könnten heute erfolgreiche Geschäftsmodelle obsolet werden, ein Szenario, das schon seit 2025 für heftige Kursverluste im Segment der Softwareaktien gesorgt hat. Besondere Komplexität bei der Bewertung der KI-Potenziale liegt jedoch in der Natur dieser Technologie. Denn generative KI zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich selbst fortentwickelt. Man kann also heute kaum taxieren, wie stark deren Einfluss künftig sein wird. Entsprechend groß ist die Unsicherheit an den Börsen und hat neben rasanten Kursgewinnen auch immer wieder zu empfindlichen Kursverlusten bei einzelnen Aktien geführt.
KI dürfte auch in den kommenden Monaten ein wesentlicher Faktor für die Aktienkursentwicklungen bleiben. Dabei werden jedoch nicht alle hoch gesteckten Erwartungen erfüllt werden. Anleger müssen entsprechend differenzieren.

Newsletter vom 05. August 2026
Carsten Mumm – Chefvolkswirt und
Leiter der Kapitalmarktanalyse
Privatbank Donner & Reuschel
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Gesunde Differenzierungen an den Börsen

Die erst wenige Tage an der Börse gehandelten Aktien von SpaceX verloren nach einem anfänglichen Höhenflug rund 25 Prozent an Wert. Der maßgeblich von wenigen Technologieaktien geprägte koreanische Aktienindex KOSPI hatte zuletzt Kurssprünge zwischen 5 und 10 Prozent am Tag zu verzeichnen – in beide Richtungen. Demgegenüber standen deutliche Kursgewinne der US-Technologieaktie Micron Technology. Auch in anderen Sektoren waren erhebliche Kursbewegungen zu verzeichnen. Während Rheinmetall innerhalb eines Tages knapp 20 Prozent an Kurswert einbüßte, stiegen die Aktien von Bayer tags darauf in vergleichbarer Größenordnung an.
Was auf den ersten Blick nach erratischen, kaum nachvollziehbaren Kurskapriolen aussieht, kann auch als sehr differenzierte Vorgehensweise von Anlegerinnen und Anlegern interpretiert werden. Es wird nicht einfach alles gekauft, etwa in der Annahme, das Künstliche Intelligenz künftig jedes Geschäftsmodell beflügeln könnte oder weil eine konkrete Lösung im Streit zwischen den USA und dem Iran und damit für den Schiffsverkehr in der Straße von Hormus erhofft wird. Im Gegenteil, die Hintergründe der beschriebenen Kursbewegungen sind auf jeweils individuelle Parameter und Erwartungen an die einzelnen Unternehmen zurückzuführen. Das ist gesundes Marktverhalten, wenn auch das Ausmaß der Ausschläge beachtenswert ist.
Fundamental verändert hat sich allerdings die Situation der großen US-Tech-Unternehmen. Viele haben in den letzten Jahren mit ihren angestammten Geschäftsmodellen sehr viel Geld verdient und damit hohe Dividenden und Aktienrückkäufe finanziert. Heute wird massiv in Zukunftsfähigkeit investiert. Dabei spielt Künstliche Intelligenz eine zentrale Rolle. Aufgebaut werden Datencenter und Energieversorgung, für die Chips, Rohstoffe, Baumaterialien und Kapazitäten klassischer Industrien benötigt werden. Um die Ausgaben zu finanzieren, wird neues Eigenkapital eingesammelt und durch die Emission von Anleihen Fremdkapital aufgenommen. Es wird sich jedoch erst in den kommenden Jahren zeigen, welche Unternehmen in der Lage sein werden, die enormen Investitionen von heute in ausreichend Gewinne von morgen umzuwandeln. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es in diesem Zuge in einigen Fällen zu Abschreibungsbedarf oder dem Verkauf bereits aufgebauter Infrastruktur und damit Kurskorrekturen kommen. Profitieren können davon aber Wettbewerber, sodass beim Aktienkauf weiterhin stark differenziert werden muss.

Newsletter vom 01. Juli 2026
Carsten Mumm – Chefvolkswirt und
Leiter der Kapitalmarktanalyse
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Unemotionale Kapitalanlage in bewegten Zeiten

Der Irankonflikt und Folgen – insbesondere hohe Rohölpreise, steigende Inflation sowie sinkende Wachstumserwartungen – sind seit Anfang März die medial überlagernden Themen. In dieser Gemengelage erscheinen Risiken für viele Anleger enorm und völlig unkalkulierbar. Renditechancen rücken in den Hintergrund. Der Wunsch nach dem Erhalt des angelegten Kapitals nimmt Überhand.
Für manche ist ein vielleicht naheliegender Gedanke, alle bestehende Anlagen zu liquidieren und mit einem größeren Bestand an Liquidität eine Beruhigung der aufgeheizten Lage abzuwarten. Allerdings bewegen wir uns schon seit Jahren in einem besonders dynamischen und unsicheren Umfeld. Geopolitisch, wirtschaftlich und teilweise gesellschaftlich befinden wir uns in einer Umbruchphase, in der viele Gewissheiten der vergangenen Jahrzehnte infrage gestellt werden. Relevante Aspekte in diesem Kontext sind der Klimawandel, geopolitische Krisen mit Auswirkungen auf die Sicherheitslage in Europa, demografische Entwicklungen, die zunehmende Konkurrenz Chinas an den Weltmärkten, immer wieder auftretende Unterbrechungen globaler Lieferketten und mehr.
Gerade diese, durch vielfältige Krisen geprägten Zeiten bergen aber auch enorme Chancen. Nur wenn es ungemütlich wird, steigt die Veränderungsbereitschaft und es besteht ein erhöhter Anreiz für Reformen und Innovationen. So nehmen Staaten gerade sehr viel Geld in die Hand, um ihre Resilienz durch Investitionen in Infrastruktur, Verteidigungsfähigkeit und Energiesicherheit zu erhöhen. Unternehmen bauen Lieferketten um und versuchen durch den Einsatz neuester Technologien den Auswirkungen des absehbaren Arbeitskräftemangels zu begegnen und Kosten zu senken. Große Kapitalsammelstellen und Notenbanken sind dabei, ihr traditionell sehr hohes Gewicht an auf US-Dollar basierten Anlagen zu diversifizieren, wovon andere Währungen und Edelmetalle grundsätzlich profitieren könnten. Man könnte diese Liste noch fortsetzen…
Anleger sollten sich daher einen konstruktiven, möglichst wenig emotional überlagerten Blick bewahren. Wer abwartet, bis die Lage sich beruhigt hat, wird Renditechancen verpassen. Es braucht eine durchdachte Anlagestrategie mit ausreichender Diversifikation über verschiedene Anlageklassen und innerhalb einzelner Segmente sowie die Gewissheit eines längeren Anlagehorizonts, um Panikreaktionen – also Verkäufe nach Kurseinbrüchen oder Käufe bei stark steigenden Kursen und in der Annahme, es sei die letzte Gelegenheit – zu vermeiden.

Newsletter vom 27. Mai 2026
Carsten Mumm – Chefvolkswirt und
Leiter der Kapitalmarktanalyse
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Der Irankrieg und seine Auswirkungen

Die unmittelbaren Folgen der Eskalation des Irankonflikts seit Anfang März waren steigende Rohöl- und damit Spritpreise, nachgebende Aktienkurse und höhere Renditen von Staatsanleihen. Mittlerweile sind jedoch auch weitergehende Auswirkungen erkennbar. So signalisierte das aktuelle ifo-Geschäftsklima abnehmende künftige Geschäftserwartungen bei vielen Unternehmen angesichts massiv gestiegener Energiekosten und Zinsbelastungen bei gleichzeitig höherer Unsicherheit für private Konsumenten und Investitionen. In Deutschland sind vor allem energieintensive Industrien, die Tourismusbranche sowie Logistik und die Bauwirtschaft betroffen. Die global ermittelten Einkaufsmanagerindizes von S&P Global hingegen ließen kurzfristig einen Anstieg der Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe erkennen. Dieser dürfte allerdings wesentlich auf vorgezogene Orders aufgrund der Befürchtung anhaltender Lieferkettenunterbrechungen im Zuge der Sperrung der Straße von Hormus zurückzuführen sein. Je länger die Schiffspassage gestört bleibt, umso stärker werden Einschränkungen bei Öl und Gas, aber auch bei anderen Produkten spürbar. So könnten fehlende Düngemittel in den kommenden Monaten zu steigenden Nahrungsmittelpreisen führen.
Die schon heute absehbaren Wachstumseinbußen würden sich bei anhaltenden Lieferkettenproblemen ausweiten, vor allem in energieimportabhängigen Regionen wie Europa und Teilen Asiens. Parallel steigen die Verbraucherpreise stärker an. Spanien vermeldete für März eine Inflation in Höhe von 3,3 Prozent nach 2,3 Prozent im Februar. Auch in Deutschland und der Eurozone legten die März-Teuerungsraten deutlich zu. Ob die bisher zurückhaltenden Notenbanken darauf mit Leitzinsanhebungen reagieren werden, hängt von der Dauer des Angebotsschocks ab. Insbesondere wenn sich Zweitrundeneffekte andeuten, also infolge des energiepreisinduzierten Kostenanstiegs auch höhere Lohnforderungen und stärker steigende Absatzpreise für Endprodukte von Unternehmen verlangt werden, müsste die Geldpolitik restriktiver ausgestaltet werden.
Aber es gibt auch positive Nachrichten: Das Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union (EU) und den südamerikanischen Mercosur-Staaten tritt ab dem 1. Mai vorläufig in Kraft, obwohl die Zustimmung des Europäischen Parlaments noch aussteht. Offensichtlich erhöht der zunehmende geo- und handelspolitische Druck die Handlungsfähigkeit Europas, ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu mehr europäischer Eigenständigkeit.

Newsletter vom 01. April 2026
Carsten Mumm – Chefvolkswirt und
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Gold, Silber und Bitcoin nach dem Kurssturz

Seit Ende Januar hatten die vermeintlichen „sicheren Häfen“ heftige Kursverluste zu verzeichnen. Während beim Bitcoin allerdings schon im Herbst des letzten Jahres ein erster Rücksetzer erfolgte, stiegen die Preise für Gold und Silber am Anfang des neuen Jahres zunächst auf neue Rekordstände.
Der Einbruch bei Gold und Silber kann daher als notwendige Korrektur einer kurzfristig überzogenen Rallye in einem weiterhin intakten Aufwärtstrend gesehen werden. Auslöser für den vorangegangenen besonders steilen Anstieg waren insbesondere zunehmende Sorgen um die Unabhängigkeit der US-Notenbank Fed vor dem Hintergrund der bevorstehenden Nominierung eines Nachfolgers für den aktuellen Fed-Präsidenten Jerome Powell. Dass US-Präsident Trump mit Kevin Warsh einen ausgewiesenen Geldpolitik-Experten benannt hat, sorgte diesbezüglich für Beruhigung und die entsprechende Gegenbewegung.
Der Hintergrund für die schon seit Anfang 2025 anhaltende beschleunigte Aufwärtsbewegung der Gold- und Silbernotierungen sind allerdings strategische und damit langfristige Käufe von Notenbanken und großen internationalen Kapitalsammelstellen, die versuchen, zumeist sehr hohe US-Dollaranteile in ihren Portfolien zu reduzieren. Mangels Alternativen im Segment der klassischen Währungen weichen sie auch auf Edelmetalle aus. Da sowohl der Standort USA als auch der Dollar seit dem Amtsantritt Trumps an Vertrauen eingebüßt haben, dürfte diese neue Nachfragekomponente am Markt für Edelmetalle weiter relevant sein und perspektivisch für eine Fortsetzung des langfristigen Aufwärtstrends sorgen. Zudem lassen weltweit steigende Staatsschulden, Versuche der Fiskalpolitik auf die Geldpolitik einzuwirken, um tiefere Leitzinsen zu erzwingen (fiskalische Dominanz) und die Aussicht auf höhere Inflationsraten in den kommenden Jahren sinkende Realzinsen erwarten. Gold- und Silber-Investments würden dadurch attraktiver werden.
Der gleiche Wirkungszusammenhang sollte auch beim Bitcoin für eine Stabilisierung der Kurse sorgen, denn im Vergleich zu stärker unter Inflation leidenden verzinslichen Staatsanleihen kann die Krypto-Anlage langfristig als besserer Wertspeicher dienen. Allerdings dürfte der doppelte Kurssturz seit den Höchstnotierungen im Oktober 2025 auch auf die Liquidierung großer Bitcoin-Bestände und kreditfinanzierter Positionen zurückzuführen sein. Kurzfristig ist es daher kaum möglich, ein Ende der Abwärtsbewegung zu prognostizieren.

Newsletter vom 18. Februar 2026
Carsten Mumm – Chefvolkswirt und
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Warum Donald Trump noch unberechenbarer werden könnte

Auch im neuen Jahr 2026 hat US-Präsident Donald Trump bereits wieder einige Schlagzeilen produziert. Medial hat die Festsetzung des venezolanischen Präsidenten Maduro für besonders viel Aufmerksamkeit gesorgt. Hinzu kamen erneute Ambitionen, Grönland zu kaufen und Drohungen gegenüber Iran, Kuba und anderen Staaten. Auswirkungen auf Kapitalmärkte und Rohstoffbörsen blieben allerdings moderat.
Mehr Potenzial auf Zinsen, Aktienkurse und Währungen zu wirken, haben eher die Hinweise auf künftige innenpolitische Akzente vor dem Hintergrund aktuell sehr schwacher Umfragewerte und mit Blick auf die im Herbst anstehenden Zwischenwahlen zum Kongress. Dabei geht es um das Kernthema „Affordability“, also Erschwinglichkeit bzw. die in den letzten Jahren deutlich gestiegenen Lebenshaltungskosten. Obwohl die durchschnittlichen Löhne zuletzt vielfach noch stärker gestiegen sind als die Preise für Waren und Dienstleistungen, besteht in den USA das verbreitete Gefühl, dass man sich immer weniger leisten kann. Anders als im Präsidentschaftswahlkampf 2024 kann Trump die Schuld an den noch immer recht hohen Teuerungsraten aber nicht auf die Demokraten schieben.
Trumps Blick richtet sich daher wie schon seit Monaten auf die Geldpolitik der US-Notenbank Fed. Dessen amtierender Präsident Jerome Powell könnte kurzfristig wegen Falschaussagen über die Kosten des Umbaus der Fed-Zentrale strafrechtlich angeklagt werden. Es ist zumindest naheliegend, dass diese Aktion im Zusammenhang mit der seit Monaten immer schärferen Kritik Trumps an den seiner Meinung nach zu hohen Leitzinsen steht. Allerdings bedeuten tiefere Leitzinsen nicht notwendigerweise, dass auch die Zinsen bei längeren Laufzeiten und damit die Kreditkonditionen für Private, Unternehmen und die Regierung sinken. Daher hat Trump weitere Regelungen ins Spiel gebracht, bspw. die Deckelung von Kreditkartenzinsen, den Aufkauf von Hypothekenkrediten oder ein Verbot für Institutionelle, Einfamilienhäuser zu kaufen. Schon im letzten Jahr war zudem von 2.000-Dollar-Schecks die Rede, die an Bezieher mittlerer und geringer Einkommen versandt werden könnten.
Staatliche Eingriffe in den Markt und weitere fiskalpolitische Expansion könnten jedoch höchstens kurzfristig für eine preisliche Entlastung sorgen. Vor allem aber zeigen sie, dass politische Risiken in den USA enorm gestiegen sind, schrecken Investoren sowie Käufer von US-Aktien und Anleihen ab und schwächen den Status des Dollar als Weltleitwährung.

Newsletter vom 14. Januar 2026
Carsten Mumm – Chefvolkswirt und
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Die wirtschaftspolitische Zwischenbilanz der Bundesregierung

Gemäß Ökonomenpanel, einer vom ifo-Institut und der FAZ lancierten Umfrage unter 170 Volkswirtschaftsprofessoren und -professorinnen, fiel die wirtschaftspolitische Zwischenbilanz nach 100 Tagen Regierungsarbeit ernüchternd aus. Nur ein Viertel der Befragten bewertete die bisherigen wirtschaftspolitischen Maßnahmen als positiv. Dem stehen mehr als 40 Prozent mit einem negativen Fazit gegenüber, während ein Drittel mit „neutral“ geantwortet hat.
Zwar wurden eindeutig positive Impulse zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts Deutschland beschlossen, bspw. die Aussicht auf dringend notwendige staatliche Investitionen, verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten, die ab 2028 sinkende Körperschaftsteuer oder die Abschaffung des deutschen Lieferkettengesetzes. Parallel dazu wurde ein schrittweiser Bürokratieabbau eingeleitet: Genehmigungsverfahren für erneuerbare Energien sowie die Vergabe öffentlicher Aufträge wurden vereinfacht und digitalisiert. Verbraucher sollen durch den Wegfall der Gasspeicherumlage und niedrigere Netzentgelte entlastet werden. Positiv für das Ansehen Deutschlands in der Welt ist auch das akzentuierte Vorgehen von Kanzler Merz und anderer Regierungsvertreter in außenpolitischen Fragen, insbesondere bei den Themen Handels- und Sicherheitspolitik sowie der Verbesserung des Verhältnisses zu Frankreich.
Allerdings wurden wesentliche Ankündigungen, wie die Senkung der Stromsteuer für private Haushalte nicht umgesetzt. Kritisch sehen Ökonomen die Senkung der Einkommenssteuer in der Gastronomie, denn es ist unklar, ob damit ein positiver konjunktureller Impuls erreicht werden kann. Die Ausweitung der Mütterrente muss volkswirtschaftlich als rein konsumtiv verbucht werden, beschleunigt also kaum die seit Jahren schwache Wachstums- und Produktivitätsdynamik in Deutschland. Dringend notwendige Reformen, bspw. der Renten- und Sozialversicherungen oder der Schuldenbremse wurden bisher höchstens an Kommissionen delegiert.
Stimmungsindikatoren, wie der ifo-Geschäftsklimaindex signalisierten nach Monaten steigender Hoffnung zuletzt wieder eine zunehmende Skepsis, bei gleichzeitig sehr schwacher Beschreibung der aktuellen Lage bei vielen Unternehmen. Ein ausgeprägter Auftragsmangel, die Zurückhaltung beim privaten Konsum sowie Handelskonflikte und eine anhaltend schwache Exportnachfrage aus China belasten nach wie vor. Das deutsche Wirtschaftswachstum fiel im zweiten Quartal mit einem Minus von 0,3 Prozent schwächer aus als erwartet. Und auch an den Aktienmärkten spiegelt sich zunehmende Skepsis wider. Deutschland braucht daher dringend den von der Regierung selbst propagierten „Herbst der Reformen“, um der Aussicht auf strukturelle Verbesserungen des Standorts und damit Investitionen und Konsum neuen Schwung zu verleihen.

Newsletter vom 01. Oktober 2025
Carsten Mumm – Chefvolkswirt und
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Schwache deutsche Konjunktur mit Aussicht auf Besserung

Eine schwächere Dynamik der deutschen Wirtschaft im zweiten Quartal war absehbar, denn am Jahresanfang haben viele Unternehmen in der Erwartung künftig höherer Zölle Aufträge und Produktion vorgezogen, die in den Folgemonaten fehlten. Trotzdem sorgten die finalen Daten des Statistischen Bundesamts zum deutschen Bruttoinlandsprodukt (BIP) für Ernüchterung. Mit 0,3 Prozent schrumpfte die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung stärker als angenommen. Vor allem die Industrieproduktion und die Exporte fielen schwächer aus, nachdem diese im ersten Quartal noch stärker zulegen konnten. Der private Konsum stieg um gerade einmal 0,1 Prozent, sodass vor allem der Anstieg der staatlichen Konsumausgaben um 0,8 Prozent noch schwächere Wachstumsdaten verhinderte.
Beim Blick nach vorn spielt weiterhin der kaum kalkulierbare Handelskonflikt mit den USA eine entscheidende Rolle. Zwar haben sich EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen und US-Präsident Trump auf einen Zollsatz in Höhe von 15 Prozent auf Exporte aus der EU in Richtung USA geeinigt. Allerdings fällt dieser deutlich höher aus als zuvor. Zudem sind einige Aspekte noch unklar, bspw. wann die Absenkung der Zölle auf Autoexporte von derzeit 27,5 Prozent erfolgt. Es ist auch davon auszugehen, dass künftig immer wieder neue oder höhere Zölle vonseiten der US-Regierung ins Spiel gebracht werden.
Trotzdem untermauern aktuelle Umfragen unter Unternehmen die Hoffnung auf eine moderate konjunkturelle Erholung in den kommenden Monaten. So setzte der ifo-Geschäftsklimaindex seinen Trend im bisherigen Jahresverlauf fort und fiel leicht höher aus. Man kann zwar nicht von verbreitetem Optimismus sprechen, aber einige Unternehmen schauen zumindest weniger pessimistisch auf ihre künftigen Geschäftserwartungen. Der HCOB-Einkaufsmanagerindex stieg für das Verarbeitende Gewerbe sogar auf den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren und rangiert erstmals wieder knapp unter der Grenze von 50 Punkten, deren Überschreiten eine künftig steigende Produktion anzeigen würde. Wichtig für die Wachstumsstabilisierung wäre wieder etwas mehr Unterstützung vonseiten der Politik in Deutschland. Dabei helfen die Aussicht auf höhere Investitionen zur Ertüchtigung der Infrastruktur und der Verteidigungsfähigkeit in den kommenden Jahren sowie verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten nur bedingt. Vielmehr braucht es klar erkennbare Signale zur weiteren Steigerung der Attraktivität des Standorts Deutschland, allen voran den ersehnten Abbau bürokratischer Hürden.

Newsletter vom 27. August 2025
Carsten Mumm – Chefvolkswirt und
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Europa gibt die (Zins-) Richtung vor

US-Präsident Donald Trump dürfte in diesen Tagen neidisch nach Europa schauen, zumindest mit Blick auf die Geldpolitik. Denn anders als von ihm seit Monaten bei der US-Notenbank Fed eingefordert, sinken in der Eurozone seit rund einem Jahr stetig die Leitzinsen – ausgehend von 4,50 auf mittlerweile 2,15 Prozent p.a. In den USA hingegen stehen im bisherigen Senkungszyklus nur drei und in diesem Jahr noch keine Anpassungen zu Buche. Die Leitzinsspanne liegt mit 4,25 bis 4,50 Prozent p.a. auf einem deutlich höheren Niveau.
Die Zeiten, in denen europäische Geldpolitik vermeintlich nur den US-Vorgaben folgte, sind damit offensichtlich vorbei. Den Hintergrund dieser Diskrepanz mag Trump hingegen kaum nachvollziehen. So ist die Inflation in der Eurozone im Mai mit 1,9 Prozent unter die geldpolitische Zielmarke von 2 Prozent gerutscht. Die Projektionen der EZB gehen im Mittel des kommenden Jahres sogar nur von 1,6 Prozent Teuerungsrate aus. Vor allem die im Vergleich zum Vorjahr deutlich gesunkenen Energiepreise und der stark aufgewertete Euro, durch den in Dollar gehandelte Rohstoffe an den Weltmärkten günstiger eingekauft werden können, drückt hierzulande die Preisniveaus. In den USA liegt die Inflation mit 2,4 Prozent derzeit zwar nur marginal höher, allerdings ist davon auszugehen, dass Zollanhebungen sowie die restriktive Migrationspolitik der US-Regierung künftig steigende Preise zur Folge haben werden.
Im weiteren Jahresverlauf ist vonseiten der EZB noch mit ein bis zwei weiteren Leitzinssenkungen zu rechnen, wenngleich bei der nächsten Ratssitzung Mitte Juli zunächst eine Zinsanpassungspause eingelegt werden könnte. Die Fed hingegen hat aus ökonomischer Perspektive bisher keine Veranlassung die Leitzinsen zu lockern. Denn neben der noch erhöhten Teuerung ist die zweite Zielkomponente der US-Notenbank, ein hohes Beschäftigungsniveau, trotz zunehmender Anzeichen für eine wirtschaftliche Abkühlung in den USA derzeit nicht gefährdet. Vielmehr sorgt die mit 4,2 Prozent anhaltend niedrige Arbeitslosigkeit weiterhin für einen dynamischen Lohnanstieg in Höhe von zuletzt 0,4 Prozent im Mai und damit lohninduzierte Inflationsgefahren. Erst wenn das schwächere Wachstum in den kommenden Monaten auch auf den Arbeitsmarkt durchschlagen sollte, könnte die Fed sich veranlasst sehen, ebenfalls die Leitzinsen zu senken – dem zunehmenden politischen Druck vonseiten der US-Regierung zum Trotz.

Newsletter vom 02. Juli 2025
Carsten Mumm – Chefvolkswirt und
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Keine Prognose ohne den Faktor „Trump“

Die Politik der US-Regierung unter Präsident Donald Trump kann man zumindest als unkonventionell bezeichnen. Das muss nicht schlecht sein, denn neue Wege könnten bisher nicht vorhandene Lösungsansätze für einzelne Herausforderungen ergeben.
Allerdings kommt es auf die Art und Weise an. Eine wesentliche Nebenwirkung des neuen politischen, teils erratischen und schwer kalkulierbaren Stils in den USA ist die enorm gestiegene Unsicherheit. Damit reduziert sich die Planungssicherheit von Unternehmen und Analysten. Viele Prognosen zu künftigen Umsatz- und Gewinnentwicklungen oder zu volkswirtschaftlichen und Kapitalmarktperspektiven stehen heute unter dem Vorbehalt möglicher politischer Kehrtwenden aus den USA. Die Verunsicherung rüttelt sogar an einigen jahrzehntealten Grundfesten der Kapitalmärkte. Es geht um die Frage, ob die USA auch künftig der Stabilitätsanker der Weltwirtschaft und der internationalen Börsen sein werden.
Der Dollar wertete während der zollpolitisch induzierten Kursturbulenzen Anfang April deutlich ab. Bisher fungierte die US-Währung in Krisenzeiten als „sicherer Hafen“ der Kapitalanlage und legte zumeist zu. In diesem Fall suchten Anleger aber Sicherheit in anderen Krisenwährungen, wie bspw. Gold. Für eine Schwächung des Dollars und steigende Edelmetallnotierungen sorgte zuletzt auch die Zustimmung des Repräsentantenhauses zu den von Trump initiierten Steuersenkungen, deren Folge eine weitere Ausweitung der Staatsschulden sein werden. Zudem senkte die Rating-Agentur Moody`s die Bonitätseinschätzung der USA. Entsprechend stiegen Renditen für US-Staatsanleihen an und verteuern den Schuldendienst zusätzlich.
Die Umschichtung internationalen Anlagekapitals aus den USA zeigt sich auch an außergewöhnlichen Entwicklungen an den Aktienbörsen. Während der deutsche Aktienindex DAX mit knapp 20 Prozent Kursplus im bisherigen Jahresverlauf nahe seines Allzeithochs notiert, liegen US-Aktien des S&P 500 im Minus. Dabei spielt sicher auch ein zuversichtlicherer Blick auf Europa eine Rolle. Und es ist nicht sicher, ob diese außergewöhnliche Diskrepanz anhält, denn für US-Aktien werden immer noch höhere Gewinnzuwächse erwartet. Allerdings wäre eine wichtige Voraussetzung für eine wieder zunehmende Attraktivität des amerikanischen Kapitalmarkts eine höhere Berechenbarkeit vonseiten der US-Regierung.

Newsletter vom 28. Mai 2025
Carsten Mumm – Chefvolkswirt und
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