Wieso, weshalb, warum – steigen die Aktien?

Neulich habe ich eine interessante Überschrift im Wall Street Journal gelesen: „Warum steigen die Aktien? Niemand weiß es.“ Im Text ging es um die aktuelle Börsensituation, aber es wurde auch ein Szenario von vor 30 Jahren erwähnt, als die Kurse genau wie heute anzogen, ohne dass man so richtig erklären konnte, warum. Das nutzten damals ulkige Schreiber und behaupteten in dem Artikel einfach, Analysten hätten angeblich die Geldmenge im Senegal und die Zahl der gefangenen Thunfische vor der Küste Perus als Ursache ausgemacht …
Sie bemerken, worauf ich hinauswill: Für Kursentwicklungen müssen Erklärungen her – und seien sie noch so an den Haaren herbeigezogen! Auch gerade jetzt tut sich so mancher Analyst mal wieder enorm schwer damit, die steigenden Kurse zu erklären. Kriege und Konflikte nehmen zu, Naturkatastrophen treten gefühlt immer häufiger auf. Und dann haben wir ja noch Donald Trump, der mit seinen Zöllen die ganze Weltwirtschaft verunsichert. Es wimmelt nur so vor Risiken. Wie können die Kurse da einfach steigen?
Nun, zuallererst gibt es für Aktien ja keine Verpflichtung, genau das zu tun, was die Fachleute gerade für richtig halten. Und dadurch taugen deren Voraussagen meist eher zur Unterhaltung denn als guter Tipp. Ich glaube, wenn man an der Börse wirklich clever sein will, dann fragt man sich gar nicht, warum die Kurse steigen. Erst recht nicht, warum sie gerade jetzt steigen. Am besten akzeptiert man einfach, dass man ohnehin nie alle Einflüsse auf die Kurse berechnen oder gar vorhersehen kann.
Gut, ganz so leicht will ich es mir dann aber doch nicht machen. Ich kann Ihnen nämlich verraten, warum die Kurse wirklich steigen. Und damit meine ich jetzt nicht steigende Firmengewinne, KI-Boom, Einigung bei Zöllen, Steuersenkungen in den USA …, sondern: Trommelwirbel!!! Weil unter dem Strich mehr Menschen ihr Geld an der Börse investieren.
Zack, das sitzt hoffentlich! Solange der Kapitalismus lebt, der Mensch nach Fortschritt strebt und Unternehmen Geld verdienen, so lange werden die Kurse auf Dauer steigen. Aktien sind und bleiben deshalb einfach eine attraktive Kapitalanlage. Aber diese Erklärung macht natürlich zu wenig her, als dass hochdekorierte Börsenexperten damit ihre Schlagzeilen füllen könnten …

Newsletter vom 3. September 2025
Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
Stuttgarter Aktienbrief „Börse Aktuell“
Zum Newsletter anmelden
Chance verpasst?

Da war sie also: die große Chance, mal wieder deutlich günstiger an Aktien zu kommen. Aber haben Sie im Zollcrash auch wirklich zu den Ausverkaufspreisen zugeschlagen? Manch einer würde sich jedenfalls am liebsten in den Hintern beißen, weil er zu lange gezögert hat.
Wie dem auch sei, jetzt haben die Kurse wieder kräftig angezogen und „die Straßenbahn“ scheint abgefahren. Der soll man laut einem Börsensprichwort auch nicht hinterherlaufen – denn die nächste kommt ja bestimmt. Gemeint ist damit, dass bald wieder mal ein günstiger Einstiegszeitpunkt winkt. Aber kommt der wirklich? Und wenn ja, wann?
Genau da liegt der Hase im Pfeffer: Wir wissen es einfach nicht. Ganz bestimmt läuft irgendwann mal wieder eine Rabattaktion an der Börse. Aber ob sich die Kurse schon morgen die nächste Auszeit gönnen oder erst wieder einen Marathon laufen, wer will das wissen? Es lohnt sich deshalb meiner Meinung nach auch nicht, darauf zu warten (selbst wenn manch einer sicher ist, dass US-Präsident Trump noch für jede Menge Sonderangebote sorgen wird …).
Stattdessen nehmen wir das Sprichwort wörtlich: Wir nutzen tatsächlich die nächste Straßenbahn – unabhängig vom Preis „des Tickets“! Wir steigen einfach in den Börsenzug ein, schließlich wollen wir ans Ziel kommen. Wer also kaufen wollte, kann das meiner Meinung nach jetzt genauso tun. Es spielt langfristig wirklich keine so große Rolle, ob Sie zehn Prozent höher oder tiefer zugreifen – Hauptsache, Sie tun es!
Wenn eine Aktie in 20 Jahren vielleicht bei 1.000 Euro notiert, dann ist ihr Kauf richtig, ganz gleich, ob sie vielleicht im April noch 90 Euro gekostet hat und jetzt womöglich 100 oder 110 Euro. Schmerzhaft wird es jedoch für diejenigen, die zum Beispiel auf einen neuen US-Präsidenten warten und womöglich erst in vier Jahren zuschlagen. Die Gefahr ist dann groß, dass für das Straßenbahnticket wesentlich mehr hingeblättert werden muss.
In diesem Sinne: Nur wer einsteigt, kommt ans Ziel! Und ich glaube, viele erfahrene Anleger sitzen schon längst unbeirrt im Zug …

Newsletter vom 11. Juni 2025
Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
Stuttgarter Aktienbrief „Börse Aktuell“
Zum Newsletter anmelden
Zitat der Woche: Andy (@evfcfaddict)

„Jeder vergangene Crash fühlt sich an wie eine verpasste Gelegenheit, jeder aktuelle aber wie der Weltuntergang.“
Andy (@evfcfaddict)
am 26.09.2022 auf Twitter
