Die Rückkehr der Rendite

Dr. Martin Moryson

In den vergangenen Monaten sind die Renditen weltweit kräftig gestiegen. US-Anleihen mit einer Restlaufzeit von zehn Jahren rentieren mit circa 5 Prozent, deutsche Staatsanleihen mit rund 3 ½ Prozent und französische Staatsanleihen mit knapp 4 ½ Prozent.

Ein Teil dieses Zinsanstiegs lässt sich mit der Sorge vor steigenden Inflationsraten erklären. Der Krieg im Iran, das Vorrücken der Huthi im Jemen, die zunehmende Zerstörung von Raffinerien in Russland – all das treibt den Preis für Ölprodukte und damit die Inflation kräftig an.

Bemerkenswert ist aber, dass die Realrenditen – also nach Abzug der erwarteten Inflationsraten – ebenfalls deutlich angezogen haben. Für diesen Anstieg kann man im Wesentlichen drei Gründe anführen. Das emittierte Anleihevolumen hat in den zurückliegenden Jahren kräftig zugelegt. Die Staatsverschuldung steigt global immer weiter und zunehmend drängen große KI-Firmen auf den Anleihemarkt, um ihren Kapitalhunger zu stillen.

Zudem wird vielfach angeführt, dass die Märkte höhere Ausfallrisiken einpreisen. Schaut man jedoch auf Kreditausfallversicherungen, so kann man dies zwar für Frankreich konstatieren, kaum jedoch für Deutschland, Japan oder die USA.

Ein oft unterschätzter Faktor ist jedoch, dass steigende Realrenditen auch ein Zeichen dafür sind, dass die Märkte einer Volkswirtschaft wieder stärkeres Realwachstum zutrauen. Und tatsächlich revidieren immer mehr Institute ihre Wachstumsprognosen nach oben. So erwartet die US-Notenbank ein Wachstum von mehr als 2 Prozent für die USA. Die EZB prognostiziert für den Euroraum im kommenden Jahr ein Wachstum von fast 1 ½ Prozent und für Deutschland wird gemeinhin ein Wachstum in ähnlicher Größenordnung erwartet. Das ist durchaus solide und das trotz des hohen Ölpreises.

Was bedeutet das für den Anleger?
Nach dem Renditeanstieg bieten Staatsanleihen wieder attraktive laufende Erträge. Wir bevorzugen derzeit mittlere Laufzeiten und solide Unternehmensanleihen. Die höheren Renditen machen Anleihen wieder zu einer attraktiven Ertragsquelle und zugleich zu einem wichtigen Risikopuffer in einem ausgewogenen Portfolio.

Newsletter vom 23. September 2026

Dr. Martin Moryson – Chefvolkswirt Europa
DWS

Zum Newsletter anmelden

Kapitalmärkte kommen mit Krisen gut zurecht

Dr. Martin Moryson

Für die Aktienmärkte hätte die erste Jahreshälfte deutlich schlechter verlaufen können. Der Angriff der USA und Israels auf den Iran sowie die darauffolgende Sperrung der Straße von Hormus schickten die globalen Aktienmärkte zunächst auf Talfahrt. Tatsächlich kam es jedoch anders. Die Aktienmärkte beendeten das erste Halbjahr mit bemerkenswerten Kursgewinnen. So stieg der S&P 500 in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um zehn Prozent, der europäische Euro Stoxx 50 um mehr als elf Prozent und Aktien der Schwellenländer legten sogar um rund 24 Prozent zu.

Die starke Entwicklung der Aktienmärkte wäre kaum möglich gewesen, wenn die Weltwirtschaft empfindlich auf die geopolitischen Spannungen reagiert hätte. Stattdessen erwies sie sich erneut als bemerkenswert widerstandsfähig. Dazu tragen die Freigabe strategischer Ölreserven in den OECD-Ländern ebenso bei wie geringere chinesische Importe oder die Umleitung von Erdölströmen, wo immer dies möglich ist. Der eigentliche Grund für die starke Entwicklung der Aktienmärkte liegt jedoch woanders, nämlich bei den Unternehmensgewinnen. Diese haben sich zuletzt in einer Größenordnung entwickelt, die sonst nur in Erholungsphasen nach schweren Krisen erreicht wird. In diesem Jahr dürften die Unternehmensgewinne je Aktie nach Analystenschätzungen um rund 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr zulegen. Das ist mehr als beeindruckend. Die Gewinne sind damit stärker gestiegen als die Aktienkurse. Rein rechnerisch sind die Bewertungen vieler Aktien daher sogar gesunken. Ein Beispiel dafür sind Halbleiterunternehmen. Für diese erwarten wir in diesem Jahr eine Verdopplung der Gewinne. Die Aktienkurse sind bislang allerdings „nur“ um rund 50 Prozent gestiegen.

Was bedeutet das für Anleger? Zunächst einmal sollten die gesunkenen Bewertungen differenziert betrachtet werden. Gerade im Halbleiterbereich sind die Gewinne zuletzt so stark gestiegen, dass dies in Zukunft kaum weitergehen kann. Schließlich sind die Gewinne des einen die Kosten des anderen. Vor diesem Hintergrund haben wir unsere Empfehlung für den Halbleitersektor von „übergewichten” auf „neutral” reduziert. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich diese Aktien künftig nicht weiter positiv entwickeln können. Ob sie sich allerdings weiterhin deutlich besser als der Gesamtmarkt schlagen werden, erscheint zunehmend fraglich. Gerade in einem Umfeld hoher Erwartungen spricht vieles für ein ausgewogenes Portfolio statt einer Konzentration auf wenige Titel oder Sektoren. 

Newsletter vom 15. Juli 2026

Dr. Martin Moryson – Chefvolkswirt Europa
DWS

Zum Newsletter anmelden

Märkte im Aufwind trotz Krieg – wie kann das sein?

Dr. Martin Moryson

Die Aktienmärkte haben in diesem Jahr kräftig zugelegt: der S&P 500 um über zehn Prozent, der europäische Stoxx 600 um immerhin rund fünf Prozent und der japanische Nikkei um über 30 Prozent. Ein wesentlicher Treiber sind die hohen Investitionen in künstliche Intelligenz. Gleichwohl stellt sich die Frage, warum der Krieg im Iran die globale Wirtschaft nicht in eine Rezession und damit die Aktienmärkte auf Talfahrt geschickt hat.

Offensichtlich kommt die Wirtschaft deutlich besser mit der Situation zurecht, als man das vor Beginn des Kriegs vermutet hätte. Wie immer gilt, dass man die Anpassungsfähigkeit der Menschen, der Unternehmen und damit der Wirtschaft nicht unterschätzen sollte. Es gibt verschiedene Berechnungen, wieviel Öl nun tatsächlich „fehlt“, also wegen der Sperrung der Straße von Hormus nicht seinen Weg zum Verbraucher findet. Ursprünglich gingen mal rund 20 Prozent des globalen Verbrauchs von rund 100 Millionen Barrel pro Tag durch die Meerenge.

Ein nicht unerheblicher Teil dieser Menge kommt nun über andere Routen auf die Weltmärkte, beispielsweise über die East-West-Pipeline in Saudi-Arabien, die rund sieben Millionen Barrel pro Tag transportieren kann oder über die irakische Pipeline Richtung Türkei, mit rund einer Million Barrel pro Tag. Alle Produzenten fahren ihre Produktion so weit wie möglich hoch, selbst Venezuela produziert wieder über eine Million Barrel pro Tag.

Wie viele es genau sind, weiß man nicht, aber interessanterweise verlassen seit Beginn des Kriegs rund vier Tanker pro Tag die Straße Richtung offenes Meer. Bedenkt man, dass große Tanker bis zu zwei Millionen Barrel transportieren können, bekommt man langsam ein Gefühl dafür, warum die Weltwirtschaft sich als so resilient erweist. Die Freigabe der strategischen Ölreserven durch die OECD-Länder in der Größenordnung von rund vier Millionen Barrel pro Tag tun ihr Übriges.

Was bedeutet das für den Anleger? Zugegeben, es sind vor allem die Tech-Werte, die die Kurse treiben. Aber dass sich der Rest der Wirtschaft nicht in einer Rezession befindet, ist eine notwendige Voraussetzung für den Aufschwung gewesen. Soll sich die positive Entwicklung an den Aktienmärkten fortsetzen, müssen zwei Dinge weiterhin gelten: Die Tech-Konzerne müssen weiterhin ihre Gewinne liefern und die restliche Wirtschaft muss ihre Resilienz erhalten. Fällt eine der beiden Voraussetzungen weg, könnte es schwer werden für die Aktienmärkte.

Newsletter vom 03. Juni 2026

Dr. Martin Moryson – Chefvolkswirt Europa
DWS

Zum Newsletter anmelden

Krieg im Iran – was bedeutet dies für die Märkte?

Dr. Martin Moryson

Die Entwicklungen im Iran und in der umliegenden Region sind äußerst dramatisch. Wir hoffen auf eine baldige Verbesserung der Situation – vor allem für die Menschen vor Ort. Gleichzeitig bleibt es unsere Aufgabe, die wirtschaftlichen Auswirkungen des Konflikts sowie die Konsequenzen für Anleger einzuschätzen.

Die Bedeutung des Irans für die Weltwirtschaft ist – abgesehen vom Ölpreis – gering. Nach Jahren der Sanktionen und Misswirtschaft ist das Land abgewirtschaftet. Zwar ist der Iran ein großer Ölproduzent, der für rund drei Prozent der globalen Ölproduktion steht, aber das Land ist zugleich ein großer Ölverbraucher und von den Exporten landet der Großteil derzeit in China. Aufgrund des aktuellen strukturellen Öl-Überangebots dürften die Folgen einer Produktionsbeeinträchtigung im Iran allerdings überschaubar bleiben.

Der dominante Transmissionskanal des Nahostkonflikts auf die globale Wirtschaft sind die Energiepreise. Durch die Straße von Hormus geht rund ein Fünftel des globalen Ölangebots und etwa der gleiche Anteil der globalen Flüssigerdgas-Produktion. Genau hier stecken die Probleme. Während der Ölpreis seit Jahresanfang um rund 33 Prozent gestiegen ist, haben sich die Gaspreise mehr als verdoppelt. Nach unabhängigen Berechnungen könnte sich der Flüssigerdgas-Preis nochmals verdoppeln, wenn die Straße von Hormus über Monate gesperrt bliebe.

Welche Überlegungen Donald Trump zu diesem Angriff bewogen haben, bleibt schwer abzuschätzen. Es ist aber durchaus wahrscheinlich, dass er die militärischen Aktivitäten beendet, sobald ihm die politischen Kosten zu hoch erscheinen. Zu diesen politischen Kosten zählen auch sinkende Aktienkurse und steigende Ölpreise – nicht jedoch ein steigender Flüssigerdgas-Preis. Der schmerzt Europa und freut die USA. Da überdies Europa Nettoimporteur und die USA Nettoexporteur von Erdöl sind, dürften zumindest in der kurzen Frist europäische Aktien stärker von dem Krieg betroffen sein als US-amerikanische. Für die sich anschließende Erholung ist allerdings ebenfalls zu erwarten, dass sie in Europa stärker ausfällt.

Vor diesem Hintergrund ist man mit einem breit diversifizierten Portfolio weiterhin gut aufgestellt. Die Anleiherenditen sind auf einem auskömmlichen Niveau. Mit der Erwartung einer stabilen wirtschaftlichen Entwicklung sind die Aussichten für Aktien weiterhin gut – in den USA und in Europa. So gesehen könnten die aktuellen Kursrückgänge sich durchaus als Kaufgelegenheiten erweisen.

Newsletter vom 04. März 2026

Dr. Martin Moryson – Chefvolkswirt Europa
DWS

Zum Newsletter anmelden

2026 – Was für ein Auftakt

Dr. Martin Moryson

Der erste Monat des noch jungen Jahres hat Schlagzeilen in einem Umfang geliefert, die sonst für ein ganzes Jahr reichen: Die Entführung des venezolanischen Machthabers durch die USA, der Wunsch des US-Präsidenten, Grönland zu US-Territorium zu machen, Eskalation im Iran und ein Ermittlungsverfahren der US-Staatsanwaltschaft gegen Fed-Chef Jerome Powell. All das garniert mit historisch rasanten Preisanstiegen bei Gold und Silber, die jedoch just zum Monatsultimo ebenfalls historisch rasante Preiseinbrüche erlitten. Schwierige Zeiten, um einen kühlen Kopf zu bewahren, aber umso wichtiger. Was also tun?

Zunächst einmal muss man festhalten, dass Donald Trump nach wie vor auf die Kapitalmärkte hört. Nachdem die Aktienkurse empfindlich auf die unklaren Ansprüche gegenüber Grönland reagiert haben und überdies viele Manager in Davos deutlich gemacht hatten, dass Europa für sie ein durchaus attraktiver Absatzmarkt ist, den sie über einem Zerwürfnis mit Europa verlieren könnten, hat der US-Präsident eingelenkt: keine Gebietsansprüche, keine „Strafzölle“ oder ähnliches. Auch die Nominierung des künftigen Fed-Präsidenten fiel auf einen „normalen“ Kandidaten, der durchaus auch mit der Unterstützung einiger Demokraten rechnen darf. Eine allzu unorthodoxe Wahl hätte die US-Renditen und damit die Zinslast des ohnehin fragilen US-Haushalts belastet.

Wenn man überdies einen Schritt zurücktritt, stellt man fest, dass die Wirtschaft mit all dem gut zurechtkommt. Wenn einem die vorangegangenen Krisen etwas gelehrt haben, dann dass die Menschen, und damit letztlich auch die Unternehmen und Volkswirtschaften, sehr anpassungsfähig sind. Sie stellen sich auf neue Umstände eben ein. So haben die US-Zölle zwar die Inflation ein wenig angetrieben, aber im Großen und Ganzen kommen die Firmen mit der neuen Steuer gut zurecht. Die Wirtschaft in den USA wuchs im dritten und vierten Quartal sehr ordentlich und die Einkaufsmanagerindizes zeigen weiteres Wachstum an. Der Welthandel legte im vergangenen Jahr real um rund 4,5 Prozent zu. Europa erlebt einen Aufschwung, der vor allem durch die Investitionen in die eigene Verteidigungsfähigkeit geprägt ist, aber auch von zunehmend robustem Konsum getragen wird.

Vor diesem Hintergrund ist man mit einem breit diversifizierten Portfolio immer noch sehr gut aufgestellt. Die Anleiherenditen sind auf einem auskömmlichen Niveau. Mit der Erwartung einer stabilen wirtschaftlichen Entwicklung sind die Aussichten für Aktien weiterhin gut – in den USA und in Europa. Also kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken.

Newsletter vom 04. Februar 2026

Dr. Martin Moryson – Chefvolkswirt Europa
DWS

Zum Newsletter anmelden

Gold – Rallye ohne Ende?

Dr. Martin Moryson

Welcher Anleger braucht Künstliche Intelligenz, wenn er auf natürliches Gold setzen kann? Das Edelmetall muss dieses Jahr nur mit anderen Metallen um den ersten Platz auf dem Rendite-Podium kämpfen. Mehr als 50 Prozent seit Jahresbeginn und in der Spitze 30 Prozent allein seit Ende August – das schafft Aufmerksamkeit. Bei diesen Zahlen schmerzt auch eine Korrektur wie Mitte Oktober – zumindest die Altanleger – kaum. Wie sieht es für Neuanleger aus? Der Versuch einer Einordnung.

Goldpreisprognosen sind heikel. Um nur drei Probleme zu nennen: 1. Mangels laufender Rendite wird eine fundamentale Bewertung stark erschwert. 2. Verstärkt wird dieses Problem durch die hohe Emotionalität, die Gold bei vielen Käufern auslöst. 3. Der Goldpreis macht, was er will. Er korreliert immer mit irgendwas. Mal mit Realrenditen, mal mit der Nachfrage der Zentralbanken, mal mit dem wahrgenommenen geopolitischen Risiko, mal mit der Schmucknachfrage aus Indien. Diese Korrelationen können Jahre andauern, nur um dann in kurzer Zeit einzubrechen. In den 2010er Jahren etwa bewegten sich Goldpreis und reale US-Anleiherenditen in nahezu perfekter negativer Korrelation. Doch seit drei Jahren steigen Goldpreis und Realrenditen gleichermaßen. Seitdem geben sich Erklärungsversuche für die Rally die Klinke in die Hand. Zurzeit beliebt ist die Sorge vor einer Geldentwertung. Und wer will, der kann einen Gleichlauf der Staatsverschuldung relativ zum BIP der G7 Staaten von 2002 bis 2022 mit dem Goldpreis sehen. Doch seit wiederum drei Jahren stieg Gold weit stärker als die Verschuldung und ist auch den Schuldenprojektionen des IMF für die kommenden Jahre weit enteilt.

Fangen wir mal bei Null, also bei Angebot und Nachfrage an. Auf der Angebotsseite war das Produktionsvolumen in den vergangenen zehn Jahren erstaunlich stabil; egal was Produktionskosten, Nachfrage oder Preis gemacht haben.

Ähnlich auf der Nachfrageseite. Zwar kauft immer irgendjemand mehr als im Vorjahr. Ob Zentralbanken in Summe (seit 2010 kräftige Nettokäufer), einzelne Zentralbanken (China 2023), ETF-Käufer (seit 2024 wieder) oder Indiens Hochzeitspaare. Allerdings halten sich letztere derzeit mit Käufen zurück. Besser gesagt: sie geben zwar die gleiche Summe aus, erhalten dafür aber weniger Material. Weniger preissensitiv zeigen sich deutsche Privatanleger, deren Kauflust im Tandem mit dem Preis zu steigen scheint. Aber im Aggregat ist die Nachfrage seit Jahren stabil und erklärt demnach die mittelfristigen Preisschwankungen auch nicht.

Was heißt all das für Anleger? Wenig. Außer, dass Gold eher zur langfristigen Anlage taugt: Seit die USA den Dollar nicht mehr an Gold gekoppelt haben – 1971 – hat der Greenback gegenüber Gold 99 Prozent seines Wertes verloren.

Newsletter vom 29. Oktober 2025

Dr. Martin Moryson – Chefvolkswirt Europa
DWS

Zum Newsletter anmelden

Deutscher Aufschwung: Schon vor dem Start wieder im Landemodus?

Dr. Martin Moryson

Blickt man derzeit in die Tageszeitungen, fällt es einem schwer, an den Aufschwung in Deutschland zu glauben: kein Bürokratie-, dafür aber Stellenabbau, geringere staatliche Investitionen als bei der Grundgesetzänderung vorgesehen, Streit in der Koalition usw.

Nach vier Jahren wirtschaftlicher Stagnation kann man verstehen, wenn den wirtschaftlichen Beobachtern die Zuversicht abhandengekommen ist. Die überwiegend negative Berichterstattung tut ihr übriges. Nur sollte man es mit dem Pessimismus nicht übertreiben. In den nächsten Jahren wird Deutschland kräftig investieren: in Rüstung und in Infrastruktur. Ja, nicht in dem Umfang, wie es bei der Verabschiedung der Reform der Schuldenbremse angedacht war, aber eben doch erheblich mehr als in den vergangenen Jahren. Das sollte zahlreichen Industrieunternehmen, und natürlich dem Bausektor, ordentlich Rückenwind geben. Tatsächlich steigen aber auch die übrigen Ausgaben des Staates ganz erheblich an. Das wiederum mag ordnungspolitisch bedenklich sein, hilft der Wirtschaft aber trotzdem. Ähnlich steht es um die teilweise Übernahme des Netzentgeltes durch den Staat. Dies hilft insbesondere den Unternehmen der energieintensiven Branchen. Und dann ist da noch die Künstliche Intelligenz, von deren rasanten Entwicklung bisher vor allem US-Tech-Unternehmen profitiert haben. Alle Erfahrung lehrt, dass davon zukünftig insbesondere die Nutzer profitieren sollten. Gerade für die zahlreichen hidden champions in Deutschland tun sich hier große Chancen auf, die Kosten zu senken, die Produkte kundenspezifischer zu gestalten und den Vertrieb zu verstärken.
Also gar keine so schlechten Aussichten.

Was heißt das für den Anleger?
Für europäische Investoren hat sich die starke Gewichtung von US-Aktien, die sich durch die beeindruckenden Kursgewinne der letzten Jahre etabliert hatte, in diesem Jahr als eher ungünstig herausgestellt. Ein wesentlicher Faktor dabei ist die Schwäche des US-Dollars. Vor dem Hintergrund, dass wir von einer Fortsetzung der Dollarschwäche ausgehen, erscheint es sinnvoll, europäische Titel wieder stärker ins Portfolio zu integrieren. Dennoch sollte man die USA nicht vorschnell ausklammern – insbesondere angesichts der aktuellen Führungsrolle ihrer Tech-Konzerne. Europäische und vor allem deutsche Werte können hier aber noch kräftig aufholen.

Newsletter vom 24. September 2025

Dr. Martin Moryson – Chefvolkswirt Europa
DWS

Zum Newsletter anmelden

Ende des US-amerikanischen Exzeptionalismus?

Dr. Martin Moryson

Momentan läuft es gut für Trump. Er hat sein großes Steuersenkungspaket durch den Kongress gebracht und die Zölle auf schwindelerregende Höhen getrieben. Der Arbeitsmarkt ist erstaunlich robust, die Inflationsrate liegt bei 2,4 Prozent. Die Anleiherenditen sind trotz der absehbar hohen Defizite der kommenden Jahre sehr moderat.

Wir sind ein wenig skeptisch, ob es weiterhin so gut laufen wird. Zunächst einmal sollten die Zölle für steigende Preise sorgen. Dies dürfte sich vermutlich bereits in den Inflationsdaten vom Juli, spätestens aber in jenen vom August zeigen, und wird die Kaufkraft der privaten Haushalte entsprechend schmälern. Gleichzeitig wird es eine spürbare Entlastung aus der One Big Beautiful Bill für die meisten Haushalte nicht geben, schließlich verlängert dieses Steuersenkungsgesetz nur bereits bestehende Steuervergünstigungen, das allerdings auf einem nicht nachhaltigen Niveau. Fiskalischen Spielraum haben die USA auf jeden Fall nicht mehr. Für die Unternehmen kommt hinzu, dass das Zollchaos die Planungssicherheit beeinträchtigt, auch für Unternehmen in den USA.

In Europa stellt sich die Lage anders dar. Die Inflation sollte auf absehbare Zeit niedrig bleiben. Fiskalisch hat zumindest Deutschland noch Gestaltungsmöglichkeiten und kann die Ausgaben in den kommenden Jahren kräftig erhöhen. Die privaten Haushalte sitzen nach wie vor auf hohen Ersparnissen und könnten – sobald sich die Stimmung etwas aufhellt – den Konsum ankurbeln. Natürlich leiden auch die europäischen Unternehmen unter Trumps Zollchaos, doch bisher haben sie die Zölle ganz gut weggesteckt. Zudem kommt von der europäischen Seite keine zusätzliche Unsicherheit hinzu.

Was heißt das für den Anleger?

Gerade für europäische Anleger hat sich das große Gewicht, das US-amerikanische Aktien in den Portfolien ob der rasanten Wertentwicklung der vergangenen Jahre aufgebaut hatten, in diesem Jahr als nachteilig erwiesen. Nicht zuletzt aufgrund der Schwäche des US-Dollars, von der wir annehmen, dass sie sich fortsetzen wird. Insofern gibt ein ordentlicher Anteil europäischer Aktien im Portfolio durchaus Sinn. Allerdings sollte man die USA auch nicht abschreiben, nicht zuletzt aufgrund der Dominanz ihrer Technologieunternehmen. Am Ende kommt es eben nicht darauf an, ob einem die Politik schmeckt oder nicht, sondern ob die Unternehmensgewinne wachsen. Und das tun sie in den USA bisher immer noch ordentlich.

Newsletter vom 16. Juli 2025

Dr. Martin Moryson – Chefvolkswirt Europa
DWS

Zum Newsletter anmelden

Zollchaos in den USA – Europa als relativer Profiteur?

Dr. Martin Moryson

Das Zoll-Chaos in den USA geht weiter. Vor diesem Hintergrund haben wir unsere Prognosen revidiert: für die USA nach unten, für Europa nach oben.

Für die USA wirken die Zölle und vor allem die hohe Unsicherheit hinsichtlich der Handelspolitik wie ein (negativer) Angebotsschock. Vor diesem Hintergrund haben wir unsere Inflationsprognosen für die USA kräftig nach oben revidiert und die Wachstumsprognosen gesenkt, weil die Zölle die Kaufkraft der Konsumenten schmälern und das Hin und Her die Unternehmer Investitionsentscheidungen verschieben lässt.

Die Zölle treffen nicht nur die USA, sondern fast alle anderen Länder auch; nur dass dort die Zölle wie ein Nachfrageschock wirken. Wachstum und Inflation gehen dann zurück. Daher haben wir für China die Prognosen ebenfalls gesenkt, allerdings nur geringfügig, weil hier der Staat Gegenmaßnahmen ergreift, die die Wirtschaft wieder stützen sollten. Für Europa hingegen haben wir unsere Prognosen sogar etwas nach oben genommen. Das überrascht auf den ersten Blick, liegt aber daran, dass der Handel mit den USA beileibe nicht die einzige wirtschaftliche Treibkraft ist. So unterstützt die überfällige Erholung im Verarbeitenden Gewerbe das Wachstum. Selbst die Produktion im Baugewerbe, das von Lieferkettenproblemen, Inflation und Zinsanstieg besonders betroffen war, erholt sich.

Dabei muss man bedenken, dass die Bauindustrie nicht nur den privaten Wohnungsbau umfasst, sondern auch den gewerblichen Bau und den eher staatlich geprägten Tiefbau. Dieser sollte insbesondere in Deutschland von dem Investitionsprogramm der Bundesregierung profitieren. Und schließlich gibt es auch im Wohnungsbau einiges an Nachholbedarf.
Alles in allem sind wir recht zuversichtlich, dass es mit der europäischen Wirtschaft und der deutschen insbesondere trotz des Zollkonfliktes mit den USA bergauf geht.

Was heißt das für den Anleger?
Gerade in so unsicheren Zeiten wie diesen, ist Diversifikation das Gebot der Stunde. Für Investoren bietet Europa derzeit interessante Möglichkeiten dafür. So können einem globalen Portfolio nicht nur europäische Aktien und Anleihen beigemengt werden, sondern auch Immobilien und Infrastrukturprojekte.

Newsletter vom 4. Juni 2025

Dr. Martin Moryson – Chefvolkswirt Europa
DWS

Zum Newsletter anmelden

Zollchaos in den USA

Dr. Martin Moryson

Bei dem Hin und Her, das US-Präsident Donald Trump bei den Zöllen anrichtet, ist es ausgesprochen schwer, den Überblick zu behalten. Nach dem Einbruch der Aktienbörsen in Folge der Zollankündigungen am 2. April hat der US-Präsident bereits eine Woche später eine vermeintliche Kehrtwende vollzogen und einige der Zölle ausgesetzt. Nach und nach kommen weitere Ausnahmen hinzu. Also alles halb so schlimm?
 
Der entscheidende Punkt ist, dass der durchschnittliche Zollsatz gar nicht so stark sinkt, insbesondere weil die Zölle auf chinesische Produkte inzwischen absurde Höhen erreicht haben. Auch wenn sie bereits einen Teil der Verluste wieder wettgemacht haben, insgesamt leiden die Aktienmärkte, und zwar insbesondere der US-amerikanische, unter dem Zollwirrwarr. Noch wichtiger erscheint uns jedoch, was derzeit an den Rentenmärkten passiert.
 
Während an den Aktienmärkten starke Schwankungen, wie wir sie zuletzt gesehen haben, gang und gäbe sind, geht es an den Rentenmärkten für gewöhnlich deutlich behutsamer zu und die derzeitigen Schwankungen sind ein Zeichen großer Verunsicherung an den Renten- und Währungsmärkten. Eigentlich müssten Zölle den US-Dollar stärken. Tatsächlich beobachten wir einen fallenden US-Dollar, und das, obwohl die US-Renditen zuletzt gestiegen sind.
 
Offenbar gehen die Anleger davon aus, dass der negative Wachstumseffekt der Zölle stärker als der Inflationseffekt ist. Ein Konjunkturpessimismus macht sich in den USA breit. Das erklärt auch, warum jene Währungen, die gemeinhin als sicherer Hafen gelten, wie der japanische Yen, der Schweizer Franken aber auch der Euro zuletzt deutlich profitieren konnten. Diese Entwicklung könnte darauf zurückzuführen sein, dass mehr und mehr Anleger sich vom US-amerikanischen Markt abwenden und nach Alternativen anderswo suchen. 
 
Was heißt das für den Anleger? 
Nun, internationale Anleger sind sicherlich gut beraten, ihre Investitionen global zu diversifizieren und das hohe Gewicht, das die USA zuletzt dank der guten Aktienentwicklung in vielen Portfolios hatten, etwas zu reduzieren. Schließlich kann niemand mit Gewissheit sagen, wie es an der Zollfront weitergeht. Unserer Meinung nach bietet derzeit insbesondere Europa vergleichsweise interessante Anlagemöglichkeiten.

Newsletter vom 7. Mai 2025

Dr. Martin Moryson – Chefvolkswirt Europa
DWS

Zum Newsletter anmelden