Unruhige Zeiten im Bärenmarkt
Die Märkte kommen einfach nicht zur Ruhe. Nach dem russischen Bären im Februar, trampelt jetzt der Börsenbär auf den Kursen herum. Die kurze Erholung an den Aktienmärkten von Mitte Juni bei Dow, S&P500 und Nasdaq bzw. beim DAX ab Mitte Juli bis Mitte August wird von vielen Experten als klassische Bärenmarktrally gedeutet. Und die vergangenen drei Wochen zeigen in der Tat eine Rückkehr in den Abwärtstrend. Fundamentale Gründe gibt es genug, um diesen Trend zu bestätigen, allen voran die Unsicherheit an der Inflations- und Zinsfront. FED-Chef Powell hatte mit seiner Rede in Jackson Hall die Märkte zusätzlich verschreckt, so deutliche Worte mit klarer Ansage zu weiteren Zinserhöhungen wollte man nun doch nicht gerne hören. Die EZB tagt am Donnerstag und der Markt erwartet mit plus 0,75 Prozent bereits den größten Zinsschritt in der Geschichte der Notenbank.
Die Preise für Energierohstoffe kommen ebenfalls nicht zur Ruhe, von Entspannung kann in diesem Bereich keine Rede sein. Wie nervös dieser Markt ist, zeigte sich in den vergangenen Tagen. Als am Samstag klar wurde, dass Nord Stream 1 kein Gas mehr liefern würde, sprang der Preis für den Terminkontrakt des richtungweisenden niederländischen Erdgases TTF am Montagvormittag um 35 Prozent nach oben.
Das wird noch nicht die letzte heftige Reaktion in diesem Jahr gewesen sein, es trennen uns noch 80 Handelstage vom Jahresschluss und der berühmt berüchtigte Oktober steht erst noch bevor. „Sonntags nie, am liebsten im Oktober“ titelte einst Roland Leuschel seine Buchlegende. Wollen wir hoffen, dass alles friedlich bleibt!


Newsletter vom 7. September 2022
Martin Braun, Börse Hannover

Unveränderte Probleme – Aktien reagieren schwach
Die Märkte kennen in diesem Jahr keine Sommerpause, fast täglich erreichen uns Meldungen, die unmittelbare Auswirkungen auf Aktienkurse, Rohstoffpreise, Zinsen oder Wechselkurse haben. Das ist grundsätzlich normal, leider überwiegen in diesem Jahr die Negativmeldungen deutlich. Heute vor 6 Monaten begann der Krieg in der Ukraine und in seiner Folge wurden die noch längst nicht aufgeholten Probleme aus zweieinhalb Jahren Corona in den Schatten gestellt. Aus Lockdown- und Lieferkettenproblemen wurde eine handfeste Energiekrise mit galoppierender Inflation und deutlich steigenden Zinsen. Wir stehen nicht am Rande zur Rezession, wir sind längst drin. Wobei Stagflation die aktuelle Situation besser trifft, denn Erzeuger- und Verbraucherpreise schaukeln sich munter weiter nach oben. Die Bundesbank warnt bereits vor zweistelligen Inflationsraten in Deutschland ab Herbst dieses Jahres. Das bringt die EZB weiter unter Druck, die sich im Vergleich zur FED mit Zinserhöhungen sichtlich schwertut. Dass DAX & Co. bei diesen düsteren Aussichten nicht deutlich tiefer stehen, grenzt fast schon an ein Wunder. Am Montag kam es dann aber zu einem deutlichen Rücksetzer bei den führenden Indizes. DAX, EuroStoxx, Dow und Nasdaq verloren zwischen 1,9% und 2,7% und weiteten ihre Verluste am Dienstag noch leicht aus. Gestern gelang auch dem USD nach rund 20 Jahren wieder der erwartete Durchbruch der Parität zum Euro. Gut für die Exporte, schlecht für die Importe, denn insbesondere Rohstoffe werden unverändert in USD gehandelt.


Newsletter vom 24. August 2022
Martin Braun, Börse Hannover

Das Fomo-Phänomen ist zurück
Sind die jüngsten Erholungen an den Aktienmärkten der Silberstreif am Horizont oder eine Schwalbe, die bekanntlich noch keinen Sommer macht? Seit den Zwischentiefs im Juni bzw. Juli haben sich die führenden Aktienindizes teilweise wieder zweistellig erholt und das bei unverändert schlechten Rahmendaten. Tatsache ist, und das wird auch von führenden Anlagestrategen wie z. B. von Morgan Stanley und Goldman Sachs so gesehen, der Markt ignoriert zurzeit die sich eintrübenden Gewinnaussichten der Unternehmen. Steigende Verbraucherpreise und noch viel stärker steigende Produzentenpreise belasten Angebot und Nachfrage. Der anhaltende Kostendruck wird bei vielen Unternehmen die Gewinnmargen reduzieren, selbst wenn es einzelnen Branchen gelingen sollte, die Umsätze zu halten bzw. sogar zu steigern. Die Rezession ist längst in greifbarer Nähe.
Das Anlegerpublikum scheint diese trüben Aussichten nicht zu stören, sie sind zumindest in verhaltener Kauflaune. Dieses Phänomen, nach dem Anleger offenbar Angst haben, etwas zu verpassen, trägt übrigens den Namen „Fomo“ (Fear of missing out). Ob Angst oder Ungeduld die richtigen Ratgeber bei Anlageentscheidungen sind, wage ich zu bezweifeln. Anleger sollten sich immer an Fakten orientieren, Ruhe bewahren und dabei einen kühlen Kopf behalten. An der Börse ist es übrigens wie an einer Bushaltestelle: Wenn man einen Bus mal verpasst hat, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der nächste kommt. In diesem Sinne, bleiben Sie entspannt, aber wachsam.


Newsletter vom 10. August 2022
Martin Braun, Börse Hannover

Rezession voraus? Geschäfts- und Konsumklima auf Tiefpunkten
Ein Unglück kommt bekanntlich selten allein. Zurzeit braut sich jedoch eine Gemengelage aus Belastungsfaktoren zusammen, die bedrohliche Ausmaße für Wirtschaft und Gesellschaft erreicht. Laut ifo-Institut hat sich der Geschäftsklimaindex weiter deutlich abgekühlt, er sank im Juli auf 88,6 Punkte nach 92,2 im Juni. Das ist der niedrigste Wert seit Juni 2020, als die Wirtschaft erstmals Corona zu spüren bekam. Aktuell belasten insbesondere die hohen Energiepreise und die drohende Versorgungsknappheit beim Gas. „Deutschland stehe an der Schwelle zur Rezession“, so das ifo-Institut.
Kein Wunder, dass auch die Stimmung der Verbraucher zu wünschen übriglässt. In einer Umfrage der Nürnberger GfK hat das Konsumklima in Deutschland für Juli ein neues Allzeittief erreicht. Dabei wurde der Tiefstwert vom Vormonat unterboten und auch der Ausblick für August ist nochmals negativ. Seit Beginn der Erhebung im Jahr 1991 wurde laut GfK kein schlechterer Wert gemessen, selbst in den Lockdown-Phasen der Corona-Pandemie war die Stimmung besser.
Da wundert es wenig, dass der Aktienmarkt verschnupft reagiert. Der DAX ging gestern bei 13.097 Punkten mit minus 0,86 Prozent aus dem offiziellen Handel, der EuroStoxx50 und die US-Börsen schlossen ebenfalls im Minus. Verschärft werden könnte die Rezessionsgefahr zudem von weiteren Zinserhöhungen der Notenbanken. Auf der heutigen Sitzung der FED erwartet man eine Anhebung des Leitzinses um weitere 0,75 Prozentpunkte. Von einer Sommerpause kann aktuell keine Rede sein, fast täglich kommen neue Meldungen, die gravierende Auswirkungen auf das Marktgeschehen haben können.


Newsletter vom 27. Juli 2022
Martin Braun, Börse Hannover

Pipeline auf und Zinsen rauf?
Am Dienstagnachmittag sprang der schon freundlich in die Woche gestartete DAX binnen Minuten um mehr als 200 Punkte nach oben. Als Grund dafür gilt ein Reuters-Bericht, wonach eine fristgerechte Wiederinbetriebnahme der Pipeline Nord Stream 1 erwartet wird, wenn auch nicht mit voller Kapazität. Unsicherheiten bezüglich der weiteren Gasversorgung und deren Abhängigkeit von Russland hatten in Industrie, Politik und Medien für Notstand-Szenarien gesorgt. Der neue Optimismus trieb den DAX heute vorbörslich auf 13.400 Punkte – knapp 5 Prozent über der Vorwoche und auf dem Niveau von vor einem Monat. Ob nach den planmäßigen Wartungsarbeiten auch wirklich wieder Gas fließt, zeigt sich dann am Donnerstag. Die Durchflussmenge wird in jedem Fall aus Moskau gesteuert. Die deutschen Gasspeicher melden aktuell einen saisontypischen Füllstand von 65 Prozent.
Für Wartungsarbeiten am Euro ist die EZB zuständig, und die hatte das Intervall zur Adjustierung der Geldpolitik maximal ausgereizt. So fiel unter anhaltendem Inflationsdruck der Euro-Kurs letzte Woche kurzfristig auf 0,9998 US-Dollar. Für die ebenfalls diesen Donnerstag stattfindende Notenbanksitzung ist eine Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte schon lange ausgemachte Sache. Die Stimmen für eine deutlichere Anhebung um 50 Basispunkte werden seit Wochen lauter und kurz vor dem Termin nun auch von der EZB erwogen, was Stärke und Handlungsfähigkeit demonstrieren könnte. Die amerikanische FED hatte im Juni mit einem 0,75 Prozent-Zinsschritt ein Statement gesetzt. Der Eurokurs notiert im Vorfeld wieder deutlich fester.


Newsletter vom 20. Juli 2022
Thomas Strelow, Börse Düsseldorf

Kein Regen, kein Gas – die Stimmung an den Märkten geteilt
An trockene Zeiten haben wir uns nach mehreren Dürrejahren fast schon gewöhnt, aber jetzt scheint nicht nur das Wasser, sondern auch noch der Gasstrom zu versiegen. Bereits im Juli könnte es eng werden, mitten im Sommer und noch weit weg von der eigentlichen Heizperiode. Wirtschaftsminister Habeck hat bereits am vergangenen Donnerstag die zweite Stufe des Gas-Notfallplans ausgerufen.
Drastisch steigende Gaspreise für Industrie und Verbraucher sind vorprogrammiert, insbesondere in Deutschland und anderen EU-Staaten. Allein diese Tatsache hat das Zeug, eine Rezession auszulösen. Die Marktteilnehmer scheinen es aktuell aber noch eher gelassen zu sehen. Zwar liegen die Aktienmärkte in diesem Jahr rund 20 Prozent im Minus, das ist aber lange noch kein Crash. Der überwiegende Teil der Marktakteure ist sogar positiv gestimmt, sieht keine Rezessionsgefahr, sondern eher die Chance für steigende Kurse. Das könnte auch mit der Einstellung der Notenbanker zu tun haben, die von Haus aus eher Optimismus versprühen und in der Vergangenheit regelmäßig in die Bresche gesprungen sind, wenn es am Markt eng wurde.
Wollen wir hoffen, dass sich diese Erwartung nicht als Trugschluss erweist. Die Inflation ist längst angesprungen und der Handlungsspielraum der Notenbanken nach vielen Jahren expansiver Geldpolitik eher begrenzt.


Newsletter vom 29. Juni 2022
Martin Braun, Börse Hannover

Die europäische Energiekrise
Am 23. Juni hat die Bundesregierung die zweite von drei Stufen des Notfallplanes Gas ausgerufen. Gas ist nun ein knappes Gut, sagte der Wirtschaftsminister Robert Habeck. Was folgt daraus?
In Deutschland stammen rund 20 Prozent des Primärenergiebedarfs aus russischem Gas, davon kommt etwa die Hälfte allein aus der Gas-Pipeline Nordstream 1. Diese Leitung transportiert derzeit nur 40 Prozent ihrer normalen Menge. Im Juli wird sie planmäßig ganz versiegen und wie es danach weitergeht, ist unklar. Das lässt die Sorgen aufleben, dass Russland den Gashahn zudrehen könnte. Dies wiederum hat die Gaspreise in Europa bereits jetzt kräftig steigen lassen – von einem Vorkrisenniveau 2020 von rund 15 bis 20 Euro pro Megawattstunde (MWh) auf derzeit über 130 Euro und eine Besserung ist derzeit nicht in Sicht. Früher oder später werden sich die hohen Gaspreise in den Gasrechnungen der Haushalte bemerkbar machen. So fürchtet Klaus Müller, Chef der Bundesnetzagentur, dass sich die Gasrechnungen für manche Haushalte verdreifachen könnten. Zwar plant die Bundesregierung Entlastungsmaßnahmen, aber die steigenden Kosten schlagen sich bereits in der Kauflaune und der Kaufkraft der Konsumenten nieder. Und das ist nicht nur auf Deutschland beschränkt. Die konkreten Auswirkungen unterscheiden sich von Land zu Land, aber im Grunde sind alle Länder Europas von den hohen Gaspreisen betroffen. So fördern die Niederlande zwar eigenes Gas, aber auch dieses ist dem europäischen Gaspreis unterworfen und hat auch dort zu deutlichen Anstiegen der privaten Gasrechnungen geführt.
Allerdings handelt es sich um ein europäisches Problem: Gas ist eben schwer zu transportieren und so kostet britisches Gas nur zwei Drittel, und auf dem US-amerikanischen Markt muss man nur rund ein Fünftel des hiesigen Preises bezahlen. Und zuletzt ist dort der Preis – genau wie der für Rohöl – sogar gesunken. Rezessionssorgen in den USA lasten auf den Preisen für Öl und andere Rohstoffe.
Was heißt das für den Anleger? Wir hatten schon in der Vergangenheit mehrfach darauf hingewiesen, dass man derzeit gute Nerven beim Investieren braucht. Das gilt jetzt noch einmal mehr. Eine Rezession in Europa hat durch die jüngsten Entwicklungen an Wahrscheinlichkeit gewonnen. Ob die Kurse an den Renten- und Aktienmärkten also ihren Tiefpunkt schon gesehen haben, ist schwer zu sagen. Für langfristig orientierte Investoren jedoch können sich Schwächephasen auch als günstige Einstiegszeitpunkte erweisen.
Übergewinnsteuer ahoi
Politischer Aktionismus treibt in Krisenzeiten bekanntlich seine Stilblüten. Dass es dabei nicht immer bzw. immer weniger nach marktwirtschaftlichen Prinzipien zugeht, erleben wir genau in diesen Tagen. „Übergewinnsteuer“ heißt das neue Zauberwort der kreativen Politköpfe in Deutschland, Großbritannien und Italien. Ausgerechnet der „Musterschüler“ Bremen profiliert sich mit einer Bundesratsinitiative zu diesem Thema – ein Schelm, wer Böses dabei denkt! Dabei geht es um eine Art Sondersteuer, die Unternehmen zahlen sollen, die aufgrund kriegsbedingter Preissteigerungen mehr Gewinn erzielt haben. Klingt auf den ersten Blick interessant und gerecht, entpuppt sich aber nach näherem Hinsehen als ein weiterer Versuch staatlicher Eingriffe und ein „Abschied von der Marktwirtschaft“. Betroffen von der Übergewinnsteuer wären insbesondere Öl- und Gasunternehmen, die aktuell natürlich von den hohen Preisen dieser Energieträger profitieren. Vor nicht einmal zwei Jahren, als der Ölpreis am Boden war, mussten genau diese Unternehmen Sonderabschreibungen vornehmen und haben teilweise tiefrote Zahlen geschrieben. Wo sollen denn die dringend notwenigen Investitionen in Erneuerbare Energien und die Energieversorgung herkommen, wenn Gewinne nach Belieben gleich abgeschöpft werden? Unternehmen investieren nur dann, wenn der jeweilige Standort ihnen Sicherheit und Berechenbarkeit bietet. „In guten, wie in schlechten Zeiten“, das sind die Spielregeln der Marktwirtschaft.


Newsletter vom 01. Juni 2022
Martin Braun, Börse Hannover

Die Auferstehung der Fossilien

Monatlicher Kapitalmarkt-Standpunkt von Kai Jordan, Vorstand der mwb Wertpapierhandelsbank AG
Nun ist es rum, das Osterfest mit den Feierlichkeiten zur Auferstehung. Gleichzeitig entwickelt sich die Situation rund um den Angriffskrieg der russischen Föderation zu einer innereuropäischen und vor allem in Deutschland heftigen Diskussion rund um die Lieferung schwerer Waffen oder die Ausweitung der Boykottmaßnahmen bei den Energieträgern. Wir haben in unserem Sonderstandpunkt „er muss ihn haben“ dazu bereits Position bezogen und die kontroverse Diskussion mit stichhaltigen Argumenten auf beiden Seiten weiter verfolgt.
Wenngleich wir der Meinung sind, dass an der Entwicklung der Situation um die Ukraine auch Zauberlehrlinge aus dem Westen mitgemischt haben, so ist die jetzige Eskalation auf dem Schlachtfeld ein furchtbarer Rückfall in längst vergessene Zeiten und mancher der hofft, dass sich diese Situation – nach einem hoffentlich raschen Ende des Konflikts wieder normalisieren sollte – wird sich noch die Augen reiben. Das wird nicht der Fall sein. Dieser Rückfall bringt die Wiederauferstehung einiger ebenfalls längst totgesagter Fossilien. So schlagzeilte die Welt Anfang April zu Putin „Als Kriegsherr ein Stalin, ökonomisch Ceausescu“.
Die Situation rund um die europäische und globale Sicherheit und Versorgungslage führt zu einer massiven Diskussion über Dinge, die aus unserer Sicht bereits versteinert waren oder auf dem Weg dahin. Der lange nicht für möglich gehaltene Rückfall Europas in einen Kriegszustand sorgt jetzt auch auf EU -Ebene für eine Rolle rückwärts bei der Beurteilung dessen, was als ESG-konform angesehen wird. So verdichten sich derzeit die Zeichen, dass in Brüssel nach Wegen gesucht wird, Waffenhersteller aus dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit wieder als investierbar einzuordnen. Öl und Gas stehen auf dem Prüfstand.
Putin war bereits vor dem Beginn des Krieges der aus seiner ökonomischen Perspektive nachvollziehbaren Auffassung, dass der Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen nicht bis 2035 oder 2050, sondern nur bis 2070 möglich sei. Auch die Europäer erkennen nun faktisch, wie stark sie in ihrer Gesamtheit von diesen Lieferungen abhängig sind. Egal ob Fracking oder Katar – es gibt keine Idee, die ökologisch und gleichzeitig den Energiehunger der Industrie gleichzeitig befriedigen kann. Viele Staaten insbesondere aus Osteuropa halten nun Ausschau nach fossilem Ersatz, der oft sogar noch klimaschädlicher ist als russisches Öl und Gas. Kohle und Flüssiggas sind 2021 zu Recht geächtet worden. Nun wird über eine Kohleverstromung in Deutschland diskutiert.
In Teilen Europas schielen Regierungen wieder auf Gas- und Ölfelder, deren Erschließung dem Klima zuliebe bis vor Kurzem noch tabu war. Auch in den USA werden Bidens Bemühungen zum Klimaschutz immer mehr ausgebremst.
Die Agrarlobby versucht mit Hinblick auf die Lebensmittelversorgung die Uhr zurückzudrehen. Die EU-Kommission hat ein Aktionsprogramm vorgestellt, in dem auf Flächen, die eigentlich aus Naturschutzgründen brach gelassen werden sollen, kurzfristig wieder angebaut werden darf. Klimafreundlichkeit oder Nachhaltigkeit sind vorübergehend zweitrangig – dabei ist die Landwirtschaft für bis zu einem Drittel der globalen klimaschädlichen Emissionen verantwortlich. „Die Gefahr sei groß, dass aus der kurzfristigen, kriegsbedingten Suche nach fossilen Ersatzquellen wieder eine langfristige Abhängigkeit entstehe, warnte Uno-Generalsekretär Guterres vor kurzem. »Das ist Wahnsinn.«
Doch wegen der Inflation schauen die Verbraucher mehr aufs Geld – und weniger auf Klimaschutz und Tierwohl. Dabei muss langfristig klar sein: »Wenn wir fossile Energien von Autokraten importieren, bringen wir unsere Sicherheit in Gefahr und heizen die Klimakrise weiter an.«
Und diese Klimakrise pausiert nicht, nur weil die Menschen einmal mehr Krieg führen. In der Arktis auf der Nordhalbkugel geht das Eis durch die Erderwärmung drastisch zurück. Nun beobachten Forscher dies auch für den Südpol. Die Erderwärmung hat auf allen Kontinenten größeren Schaden angerichtet als bislang angenommen“, warnte der Weltklimarat in einem neuen Bericht zu den Folgen der Klimakrise. Polar-, Berg- und Küstenregionen überall stünden vor dem Kollaps, mit kaum noch beherrschbaren Auswirkungen auf den Menschen. »Fast die Hälfte der Menschheit lebt – jetzt – in der Gefahrenzone«, sagte Uno-Generalsekretär António Guterres. »Viele Ökosysteme sind – jetzt – an einem Punkt angekommen, von dem es kein Zurück mehr gibt.« Dann fügte er hinzu: »Aufschub bedeutet Tod.«
Dabei zeigt sich mit jedem Tag deutlicher, dass sich Putins Krieg unmittelbar und potenziell verheerend auf die von Guterres beschriebene Lage auswirkt. Die in Deutschland bereits versteinerte Diskussion zur Atomenergie wird neu aufgemacht und in Ländern wie Frankreich beispielsweise auch beantwortet. Und Tesla Boss Elon Musk sagte jüngst in einem Interview: „Absoluter Wahnsinn von Deutschland, jetzt die Kernkraftwerke abzuschalten“ Eine ausweglose Situation? Mitnichten, wenn es den Regierungen gelingt, hier gegen alle Widerstände insbesondere aus dem Bereich rechtspopulistischer Parteien einen klaren Kurs beizbehalten.
Es sei „eine riesige Chance«, die Energieversorgung Europas noch schneller noch grüner zu gestalten“, sagte Frans Timmermans, der Green-Deal-Beauftragte der EU-Kommission. Ob dabei das Thema Atomenergie eine sinnvolle Lösung darstellen kann, können wir hier in der Kürze nicht beurteilen. Wir hören aber auch hier von Entwicklungen und Effizienzsteigerungen auch bei der Frage der Endlagerung.
Allerdings müssen die EU und die Regierungen die nunmehr ggfs. veränderten Rahmenbedingungen zügig abstecken, damit Sicherheit für die gigantischen Investitionsherausforderungen der Dekarbonisierung und den Umbau der Wirtschaft gegeben ist. Dann werden auch die Kapitalmärkte weiterhin substanziellen Beitrag leisten können zur Finanzierung dieser Herkulesaufgabe. Auch – und gerade im wichtigen KMU-Segment, dem Rückgrat der deutschen Wirtschaft.
Wir gehen davon aus, dass die westlichen Regierungen zumindest mittelfristig die richtigen Entscheidungen treffen werden. Die Märkte spiegeln dies trotz des Zinsanstieges auch wider. Damit stehen sie Emittenten mit zukunftsorientierten Geschäftsmodellen auch weiterhin offen – trotz der halben „Rolle rückwärts“ die wir vorstehend beschreiben.
Gelingt dies allerdings nicht, dann profitieren nur die Deichbauer. So ging der Aktienkurs des holländischen (das Land liegt teilweise 6 Meter unter dem Meeresspiegel) Spezialisten Boskalis Westminster vor kurzem wegen eines Kaufangebotes des Großaktionärs durch die Decke. Boskalis ist ein international operierendes Unternehmen und ist – nach eigenen Angaben – Weltmarktführer im Bereich von Baggerarbeiten, Landgewinnung, Küstenschutz und damit verbundenen Services. Als Kernkompetenzen sieht das Unternehmen vor allem die Konstruktion und den Betrieb von Häfen und Wasserwegen, die Landgewinnung, Küstenbefestigung sowie den Flussuferschutz. Und das Unternehmen erhielt einen weiteren Auftrag zur Küstenbefestigung der Küsten in Togo und Benin. Eine Empfehlung zu dieser Aktie geben wir ausdrücklich nicht ab. Aber wie wusste schon der Schimmelreiter: „wer nicht will deichen der muss weichen“. Und endet am Ende womöglich auch als Fossil.
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mwb Kapitalmarkt-Standpunkt
vom 21. April 2022
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Kai Jordan – Vorstand der mwb Wertpapierhandelsbank AG
Kontakt und weitere Informationen:
mwb Wertpapierhandelsbank AG
Kai Jordan
Kleine Johannisstraße 4
20457 Hamburg
Tel: +49 40-360995-20
E-Mail: kjordan@mwbfairtrade.com
Er muss ihn haben!

Deutschland diskutiert. Deutschland ist zwiegespalten. Kann sich die deutsche Volkswirtschaft neben den Auswirkungen von Corona auch noch weitergehende Sanktionen gegen Russland – besser gesagt, gegen einen faktischen Diktator Wladimir Putin – leisten? Riskieren wir damit unseren Wohlstand? Wird die Inflation in ungeahnte Höhen schnellen?
Wir denken, es ist nicht zu bestreiten: Gerade Deutschland hat seine grausamen Erfahrungen mit Autokraten und „gewählten“ Diktatoren gemacht. Die restliche Welt im zweiten Schritt dann ebenso. Hitler-Deutschland wurde zu spät Einhalt geboten. Diesen Fehler hat die Welt bisher bei Putin-Russland nicht gemacht. Zum Glück zeigen sich bis jetzt Europa und die USA weitgehend einig und haben weitreichende Sanktionen verhängt. Aber reichen die aus? Ein Fußball-Bild beschreibt die momentane Lage aus unserer Sicht. Der Torwart sieht den Stürmer auf sich zukommen und entscheidet sich richtigerweise von der Linie nach draußen zu eilen, um ein Tor zu verhindern. Was er auf gar keinen Fall machen darf, ist seine richtige Entscheidung zu konterkarieren, indem er stoppt und sich selbst aller Vorteile beraubt.
Wir dürfen nicht den Fehler machen, auf halben Weg stehen zu bleiben, weil wir als Europäer Angst haben. Der Rubel hat 40 Prozent seines Wertes gegenüber dem „Prä“ des Aggressionskriegs verloren. Es gibt faktisch keinen russischen Aktienmarkt mehr. Russische Staatsanleihen sind auf Ramschniveau. Die Inflation, die auch gerade die entscheidenden „B-Personen“ trifft, das heißt den russischen Staatsapparat, liegt bei mehr als 20 Prozent.
Deutschland als führender europäischer Staat hat über mehr als ein Jahrzehnt verteidigungspolitisch versagt. Deutschland darf in einem geeinigten Europa nicht nur die führende Wirtschaftsnation sein, sondern muss erkennen, dass das Land für Europa militärische Verantwortung übernehmen muss. Drei CDU/CSU Verteidigungsminister haben uns in diese Bredouille gebracht. Fairerweise muss man festhalten, dass die Etats und die angebliche Reform der Bundeswehr auch mit Unterstützung eines Finanzministers, der heute Bundeskanzler ist, und eines Außenministers, der heute Bundespräsident ist, von der SPD gemacht worden sind. Zusätzlich hat am Anfang dieses Jahrtausends eine SPD-Regierung das stattliche Unternehmen IVG privatisiert, die später im Rahmen der Saal Oppenheim-Insolvenz in Schwierigkeiten geriet. Die IVG war der Eigentümer, der norddeutschen Kavernen, in denen das Gas gelagert wird und war finanziell gezwungen, diese Kavernen an russische Unternehmen zu verkaufen. Es entsteht momentan der Eindruck, dass die wirkliche Richtlinienkompetenz beim grünen Wirtschafts- und Außenministerium ist.
Wir möchten noch einmal auf unser Bild mit dem Torwart zurückkommen. Wir diskutieren darüber, ob wir den Winkel für den Stürmer weiter verkürzen und ihn so am Torschuss hindern. Kann sich Europa – insbesondere Deutschland – leisten, auf russisches Öl und Gas zu verzichten? Wird dies Wladimir Putin kurzfristig beeindrucken? Es gibt zwei Zahlen, die wir explizit hervorheben möchten. Sage und schreibe 40 Prozent des Staatshaushaltes Russlands wurden durch Steuereinnahmen auf Gas- und Öl-Exporten im Jahr 2021 erzielt. Jeden Tag vereinnahmt Russland, faktisch Wladimir Putin, durch den Verkauf von Öl und Gas an die Europäer, an Deutschland, 500 Mio. Euro, die er benötigt, um sein Militär und seine Geheimdienste oder den Polizeiapparat zu bezahlen.
Kann es Deutschland sich leisten, auf die russischen Öl- und Gaslieferungen zu verzichten, um nachweislich Putin zu schwächen, zu destabilisieren, vielleicht sogar abzuschaffen? Dazu gibt es verschiedene Studien, die sagen, dass Europa einen schmerzhaften, aber machbaren Einschnitt erlebt, wenn das System Putin zerstört werden soll. Studien von verschiedenen europäischen Denkfabriken gehen davon aus, dass in Europa durch den direkten Verzicht auf russische fossile Energien ein Einkommensverlust von durchschnittlich einem Prozent zu erwarten sei. Die Wirtschaftsleistung Europas würde um zwei Prozent sinken. Es wird prognostiziert, dass Europa ohne russisches Gas den nächsten Winter überstehen wird. Zusätzlich sollten wir alle daran denken, dass wir heute einen Aggressor und einen Diktator in Europa zu bekämpfen haben und heute Maßnahmen ergreifen sollten.
Wir sind überzeugt, dass ein Importstopp von Energieträgern die beste Möglichkeit ist, Putins Angriffskrieg zu stoppen oder zu erschweren und der Russischen Föderation damit die finanzielle Basis zu entziehen. Die Welt steht im Frühjahr des Jahres 2022 und die Macht, die Wladimir Putin über Europa durch den Export von wichtigen Rohstoffen sodann hat, ist denkbar gering. Wir haben in den letzten Tagen gesehen, dass auch die Verwerfungen am Kapitalmarkt nur kurzfristig waren. Anleger und Investoren schätzen die Lage richtig ein und sind wieder auf einem soliden Fundament zurück. Jetzt muss nur noch der Torwart den Einschusswinkel entscheidend verkürzen und wir sollten Wladimir Putin tägliche 500 Mio. Euro entziehen. Denn wenn der Torwart rauskommt gibt es nur noch eine Regel: „Er muss ihn haben“!
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