Die Industrie rückt wieder in den Fokus

Thomas Scholz

Die internationale Arbeitsteilung steht auf dem Prüfstand. In Europa und in den USA bemühen sich Staaten und Unternehmen darum, Lieferketten zu verkürzen und Risiken durch Abhängigkeiten von Asien zu minimieren. Davon könnte Europas „Old Economy“ profitieren, meint Union Investment, der Fondspartner der Hannoverschen Volksbank eG.

Die Lieferengpässe während der Pandemie, die Frage der Energiesicherheit nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine und die durch diese Entwicklungen beschleunigte Blockbildung in der Welt haben bestimmte Abhängigkeiten als Risiken entlarvt. Oft mit üppigen staatlichen Subventionen unterstützt, investieren auffällig viele Unternehmen nun wieder stärker in Europa oder in den USA – und nicht mehr in China.

Die Verwerfungen während der Corona-Pandemie und des Krieges in der Ukraine haben gezeigt, dass die Globalisierung zu erheblichen Abhängigkeiten geführt hat, die im Krisenfall existenzbedrohend werden können. Eine Verkürzung der Lieferketten wird deshalb zur Frage der nationalen Sicherheit, wirtschaftliche Interessen treten in den Hintergrund. Gerade deshalb sind auch die Staaten gefordert, entsprechende Anreize zu setzen, damit Unternehmen das oftmals teure „Reshoring“ in Angriff nehmen. Fiskalprogramme machen genau dies und bezwecken eine Beschleunigung der nachhaltigen Transformation sowie der Digitalisierung und Automatisierung der Wirtschaft.

Von dieser Entwicklung könnten bestimmte Branchen profitieren. Im Vordergrund steht die Industrie – und damit auch Europas „Old Economy“. Hersteller von technischen Produkten, elektronischen Instrumenten, Baumaschinen und Automatisierungstechnologien stehen im Fokus. Daneben könnten Baustoff- sowie Stahlhersteller gefragt sein, ebenso im IT-Bereich vor allem Zulieferer von Halbleiterunternehmen sowie Anbieter von Softwarelösungen für die Automatisierung und Infrastruktur. Die neue Industriepolitik wird die Unternehmenslandschaft verändern – und anpassungsfähige Konzerne mit gefragten Geschäftsmodellen könnten zu den Gewinnern zählen, auch an der Börse.

Wer mit seiner Geldanlage an den Möglichkeiten der „Old Economy“ Europas teilhaben möchte, könnte Investmentfonds mit einer entsprechenden Anlagestrategie in Betracht ziehen. Dabei ist zu beachten, dass neben den Chancen generelle Risiken, wie etwa das Risiko marktbedingter Kursschwankungen oder ein Ertragsrisiko, bestehen können. Eine persönliche Beratung bei der Hannoverschen Volksbank gibt Orientierung.

Newsletter vom 20. September 2023

Thomas Scholz – Filialdirektor und Leiter WP-Beratung
Hannoversche Volksbank eG

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Industrie profitiert von China-Nachfrage und trotzt Corona

Die Entwicklungen rund um die Corona-Pandemie haben zuletzt auch an den Kapitalmärkten für Ernüchterung gesorgt. Vor allem in Europa führen die vielfach verlängerten und teils verschärften Shutdown-Maßnahmen zu anhaltend negativen Geschäftserwartungen in den besonders betroffenen Dienstleistungsbereichen. Davon getrieben sank zuletzt auch der ifo-Geschäftsklimaindex in den Bereichen Dienstleistungen und Handel besonders stark. In diesen Segmenten dürfte aufgrund der Länge der Restriktionen die Anzahl der Insolvenzen im weiteren Jahresverlauf noch deutlicher zunehmen, obwohl staatliche Stützungsmaßnahmen die drohende Insolvenzwelle nach wie vor abmildern und zeitlich strecken.

Auch die Konsumentenstimmung leidet unter den anhaltenden Restriktionen. So brach der GfK-Konsumklimaindex für Deutschland zuletzt von ohnehin niedrigen Niveaus noch einmal deutlich ein. Insbesondere die Anschaffungsneigung fiel fast auf den Wert vom Frühjahr 2020 zurück. Als Gründe werden wieder steigende Sorgen um Einkommens- oder gar Jobverluste in den kommenden Monaten genannt. Passend dazu sank im Januar auch das ifo-Beschäftigungsbarometer. Die Mehrheit der befragten Unternehmen plant, ihre Mitarbeiteranzahl zu verkleinern. Davon nicht betroffen sind die Güter des täglichen Bedarfs und der Online-Handel, dessen coronabedingte Sonderkonjunktur vorerst weiterlaufen wird.

Weiterhin sehr positiv hingegen sind die Geschäftserwartungen im Verarbeitenden Gewerbe. Vor allem die exportorientierte Industrie profitiert von einer wieder dynamisch wachsenden chinesischen Volkswirtschaft und der resultierenden hohen Exportnachfrage. Vor diesem Hintergrund ist es unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten besonders wichtig, dass kurzfristig die Grenzen für Pendler und Warentransporte sowie die Fabrikhallen geöffnet bleiben. Sollten erneut wie im Frühjahr Lieferketten reißen oder die industrielle Produktion zurückgefahren werden müssen, wären die derzeitigen volkswirtschaftlichen Projektionen für den weiteren Jahresverlauf nicht mehr haltbar.

Die aktuellen Verzögerungen der Impfkampagnen verändern die Erwartung einer ab Frühjahr startenden dynamischen wirtschaftlichen Erholung bisher kaum. Wichtig ist allerdings, dass die Impfungen soweit fortschreiten, dass im Herbst 2021 ein mit dem Herbst 2020 vergleichbarer wirtschaftlicher Rückschlag durch erneut notwendige breite Shutdown-Maßnahmen vermieden werden kann.

Auch ein wirtschaftlicher Rückschlag Chinas durch großflächig notwendige coronabedingte Restriktionen und damit ein Einbruch der Exportnachfrage hätten massiv negative Auswirkungen auf viele Volkswirtschaften weltweit. Insofern bleibt zu hoffen, dass es in China weiterhin gelingt, einzelne Corona-Ausbruchsherde auf die betroffenen Regionen zu begrenzen.

Carsten Mumm – Chefvolkswirt und
Leiter der Kapitalmarktanalyse
Privatbank Donner & Reuschel