Das Mensch-Maschine-Duell

Die Börse schlägt mittlerweile Kurskapriolen, dass es dem Privatanleger eigentlich schwindelig werden muss – und er oft genug zu Fehlern verleitet wird. Wer ist schuld daran? Etwa wir selbst? Und wie kann man diesem Wahnsinn entkommen?
Falls Sie schon etwas länger an der Börse aktiv sind, erinnern Sie sich vielleicht noch an Friedhelm Busch. Der legendäre und inzwischen 87-jährige Moderator der Telebörse war der erste Fernsehjournalist, der sozusagen mit Aktien berühmt wurde. Noch heute habe ich Worte im Ohr wie: „Veba Tagesgewinner mit 0,7 Prozent plus.“ Oder: „Nixdorf rauscht um 1,4 Prozent in die Tiefe!“
Ich will aber jetzt weder ein Loblied auf Busch trällern noch wie die „alten Leute“ von früher schwelgen, als angeblich alles besser war. Mir geht es um eine massive Veränderung der Kursausschläge, selbst bei großen Standardwerten. 0,7 Prozent Plus sind heute keine Nachricht mehr wert. Und wenn Aktien „in die Tiefe rauschen“, dann niemals nur um 1,4 Prozent. Zweistellige Kurskapriolen rauf und runter – das ist unsere heutige Welt!
Was ist los mit der Börse und uns Anlegern? Sind wir durchgedreht, dass wir Unternehmen massenhaft an einem Tag zehn Prozent mehr oder weniger wert sein lassen als am Tag davor? Ich kann Sie beruhigen: Nicht wir sind so extrem geworden. Es sind vor allem die Algorithmen und künstliche Intelligenz, die diese Kurs-Achterbahn auslösen. „Algo-Trading“ steht heute für 70 Prozent des gesamten Börsenhandels.
KI kann blitzschnell komplette Geschäftsberichte auswerten und reagiert prompt. Selbst wenn sie nur bei der Wortwahl oder beim Tonfall eine minimale positive Abweichung zum vorherigen Quartal erkennt, wird sich sofort auf die Aktie gestürzt, als gäbe es morgen keine mehr. Oder aber sämtliche Algorithmen wollen mit aller Macht zur gleichen Millisekunde raus. Dann muss der Kurs ja abstürzen.
Ändern können wir daran nichts – wohl aber unseren Umgang damit regeln. Sprich: den Wahnsinn einfach nicht mitmachen! Wenn Sie ständig den Geschehnissen hinterherhetzen, kostet es Sie nicht nur viele Nerven, sondern auch Geld. Erstens sind Sie sowieso langsamer als die Maschinen – müssen also höher kaufen oder tiefer verkaufen – und zweitens wissen auch die Algorithmen nicht, was die Kurse morgen oder kommendes Jahr machen. Oft sind sogar genau sie es, die beim nächsten anders gesetzten Komma die Aktien wieder in die gegenteilige Richtung peitschen …
Entscheidend ist jedoch ganz allein, ob ein Unternehmen in zehn Jahren mehr verdient als heute. Wenn, dann wird auch der Kurs höher stehen – unabhängig von den Schwankungen zwischendurch!

Newsletter vom 02.September 2026
Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
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Schlägt jetzt die Stunde der Old Economy?

Bringt das zweite Halbjahr einen Stimmungsumschwung an der Börse? Weg von den KI- und Chip-Überfliegern hin zu vernachlässigten Branchen wie Konsum und Gesundheit? Ein paar Anzeichen gab es zuletzt – und ich hätte ehrlich gesagt nichts dagegen, wenn die sogenannte „Old Economy“ endlich eine (verdiente) Aufholjagd starten würde.
Die meisten konservativ ausgerichteten Langfristanleger vermutlich auch nicht. Denn die überschwängliche Stimmung rund um das Thema künstliche Intelligenz hat in den letzten Monaten zwar vielen Titeln weiter Rückenwind beschert – man denke nur an Namen wie Samsung, ASML, Cisco oder Amphenol –, auf der anderen Seite wurden aber auch reihenweise Aktien aus traditionellen Wachstumsbranchen wie Konsum und Gesundheit links liegen gelassen oder sogar regelrecht abgestraft. Aktionäre von Nestlé, Starbucks, General Mills oder Novo Nordisk können ein Lied davon singen.
Der Frust bei ihnen sitzt entsprechend tief. Ringsum hört und liest man von phänomenalen Gewinnen mit KI-Aktien und im Vergleich dazu hinkt das eigene Depot trotz lehrbuchmäßiger Branchenmischung hinterher. Ich fühle mich da in letzter Zeit immer mehr an die Internet- und Neuer-Markt-Euphorie um das Jahr 2000 erinnert. Damals bekamen wir ständig zu hören: „Ihr mit euren langweiligen Old-Economy-Aktien! Warum soll ich mir Procter & Gamble oder Coca-Cola ins Depot legen? Mit Aktien wie AOL, Mobilcom und EM.TV wird das große Geld verdient!“ Dass diese Denke nicht gut ausging, wissen zumindest all jene, die damals schon dabei waren. Wohl dem, der seinerzeit den vermeintlich altmodischen und langweiligen Konsum- und Gesundheitsaktien treu geblieben ist!
Ich bin überzeugt davon, dass sich eine ausgeglichene Branchenmischung auch dieses Mal auszahlen wird. Wann der Stimmungswandel an der Börse einsetzt, kann niemand exakt vorhersagen. Manches deutet im KI-Sektor auf Übertreibungen hin, manches nicht. Aber je mehr Anleger auf eine einzelne Technologie wetten, desto größer wird die Absturzgefahr – auch weil inzwischen sogar wieder massiv auf Kredit spekuliert wird.
Am Ende geht es so lange gut, bis es eben nicht mehr gut geht. Und dann ist man heilfroh, wenn man nicht nur auf eine Branche gesetzt hat!

Newsletter vom 22. Juli 2026
Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
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Einfach nicht mehr hergeben!

Dass es manchmal besser ist, sich in turbulenten Zeiten mit anderen Dingen zu beschäftigen als mit der Börse, habe ich schon oft geschrieben. Vor ein paar Tagen habe ich es selbst ausprobiert … und bin einfach mal wieder ins Kino gegangen!
Meine Filmwahl fiel auf „Die reichste Frau der Welt“ – eine wahre Geschichte über die Milliardärin Liliane Bettencourt, Tochter des L’Oréal-Gründers Eugène Schueller. Während der Film so auf der Leinwand flimmerte, schweiften meine Gedanken etwas ab. Warum war die Dame eigentlich so reich? Klar, Grundlage dafür war die Erbschaft von ihrem Vater: Als der 1957 starb, vermachte er ihr über ein Viertel der Aktien. Ein tolles Startkapital, das ihr aber nicht den Titel „reichste Frau der Welt“ bescherte. Noch nicht.
Was also war ihr Erfolgsrezept? So viel sei verraten: Bettencourt musste nicht allzu sehr buckeln. Sie nutzte auch keine Trading-App, mit der sie ihr Geld vermehrt hat, und sie versuchte es auch nicht mit Termingeschäften oder Kryptowährungen. Sie verhielt sich genau gleich wie all die anderen Superreichen – angefangen von den beiden Alphabet-Gründern Larry Page und Sergey Brin über Bill Gates von Microsoft und Bernard Arnault von LVMH bis hin zu Jeff Bezos von Amazon: Die haben zwar klein angefangen und mussten anfangs oft Tag und Nacht buckeln, wurden aber am Ende alle reich durch einfaches Liegenlassen ihrer Aktien! Das ist langfristig immer noch der beste Weg zum Erfolg. Nicht ohne Grund findet man bei den vermögendsten Menschen der Welt keinen einzigen Daytrader, Zocker oder Crashpropheten.
Leider ist es den allermeisten Menschen nicht vergönnt, reich zu erben. Und ja, die wenigsten von uns gründen eine Firma, die dann mit einer revolutionären Idee zum globalen Spitzenkonzern wird. Doch entscheidend ist nicht die Höhe des Anfangskapitals, sondern dass man das Beste aus dem macht, was einem zur Verfügung steht. Und mit unserem Geld können wir es den Bettencourts dieser Welt nachmachen, indem wir ihr Erfolgsrezept „einfach nicht mehr hergeben“ anwenden.
Oder um es mit den Worten Warren Buffetts zu sagen: „Unsere bevorzugte Haltedauer ist für immer …“

Newsletter vom 10. Juni 2026
Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
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Nachrichtenmüde?

Immer mehr Menschen haben keine Lust mehr auf schlimme Nachrichten. Es gibt sogar einen Fachbegriff dafür, dass in Krisenzeiten viele Menschen einen Bogen um aktuelle Nachrichten machen: „News Avoidance“, frei übersetzt: Nachrichtenmüdigkeit.
Wer kennt ihn nicht, den morgendlichen Griff zum Handy? Die einen schalten ihre Wecker-App aus, die anderen wollen noch vor dem Aufstehen wissen, was man in der Nacht alles weltpolitisch verpasst hat.
In diesen Tagen verzichten jedoch immer mehr Menschen auf ihren frühen Smartphone-Blick. Sie können die ganzen schlimmen Nachrichten einfach nicht mehr ab. Sie haben keine Lust mehr auf Kriegsmeldungen aus dem Nahen Osten, der Straße von Hormus oder der Ukraine, und auf explodierende Benzinpreise. Es gibt sogar einen Fachbegriff dafür, dass in Krisenzeiten viele Menschen einen Bogen um aktuelle Nachrichten machen: „News Avoidance“, frei übersetzt: Nachrichtenmüdigkeit.
Als alter Hase im Börsengeschäft muss ich feststellen: Diese sogenannte „News Avoidance“ ist gar nicht so schlecht, denn sie kann vor Fehlentscheidungen bewahren! Studien belegen nämlich, dass der Mensch fünfmal stärker auf negative Impulse reagiert als auf neutrale oder positive Nachrichten. Das sei evolutionsbedingt! Schuld ist unser Steinzeitgehirn. Damals war es einfach überlebenswichtig, Gefahren sofort zu erkennen und darauf zu reagieren – während verpasste Chancen zwar ärgerlich waren, aber halt doch nicht ganz so dramatisch, wie vom Säbelzahntiger aufgefressen zu werden.
Für unsere Vorfahren wäre es also fatal gewesen, die Augen vor Gefahren und schlimmen Nachrichten zu verschließen. Heute kostet es uns hier in Deutschland nicht immer gleich das Leben, wenn wir eine Nachricht verpassen – trotzdem ist es natürlich wichtig, zu wissen, was in der Welt passiert. Die Dosis ist aber entscheidend! Uns langfristig ausgerichteten Börsianern sollte bewusst sein, welche Auswirkungen die allgegenwärtige mediale Überflutung mit reißerischen Schlagzeilen hat: viele Impulse, viel Handel! Wenig Impulse, wenig Handel! Wer sich ständig negativen Impulsen aussetzt, läuft Gefahr, öfter falsch zu entscheiden.
Kurzum: Für den langfristigen Börsenerfolg kann es hilfreich sein, in Krisenzeiten den Fernseher auszumachen, das Smartphone in der Tasche zu lassen und sich in der Tageszeitung lieber auf den Sportteil zu konzentrieren. In diesem Sinne: Handy aus, Rendite rauf!

Newsletter vom 22. April 2026
Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
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Iran-Krieg und KI-Kater – was nun?

Der Iran-Krieg hält die Märkte in Atem, gleichzeitig treibt das Thema KI den Börsianern Sorgenfalten auf die Stirn. An düsteren Prognosen und schlimmen Nachrichten mangelt es derzeit wahrlich nicht. Wie sollten sich Anleger in diesen Zeiten verhalten?
Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber 2026 ist gerade mal gut zehn Wochen alt und es ist schon wieder so viel passiert, dass es eigentlich für ein ganzes Jahr reicht: Angefangen mit Venezuela, wo sich die USA überraschend Staatspräsident Maduro geschnappt haben, gefolgt von den Trump‘schen Grönland-Ambitionen sowie der nächsten Zollwut-Episode und nun auch noch ein neuer Krieg im Nahen Osten, inklusive explodierender Ölpreise – als wäre der anhaltende Konflikt in der Ukraine nicht schlimm genug.
Fast schon nebenbei treibt inzwischen auch noch das Thema KI den Börsianern Sorgenfalten auf die Stirn. Es ist noch gar nicht lange her, da wurde alles in den Himmel gelobt, was nur im Entferntesten mit künstlicher Intelligenz zu tun hat. Nun dominieren hier eher Ängste die Schlagzeilen: Ängste, ob sich die riesigen Investitionen jemals auszahlen werden. Ängste, welche Branchen wohl unter die KI-Räder kommen. Bis hin zu Ängsten, dass der massive Einsatz von künstlicher Intelligenz zwar viele Unternehmen hochprofitabel macht, dafür der Welt aber Massenarbeitslosigkeit beschert.
An schlimmen Nachrichten und düsteren Prognosen mangelt es derzeit also wahrlich nicht. Und weder Mensch noch KI kann vorhersehen, wie es bei all den Themen genau weitergehen wird. Aber wenn ich zwei Dinge in über 40 Jahren Börse gelernt habe, dann erstens: dass Kurzschlussreaktionen bei Aktien selten eine gute Idee sind. Und zweitens: dass sich Optimismus langfristig auszahlt! Mein Appell wird Sie deshalb nicht überraschen: Bleiben Sie zuversichtlich und bleiben Sie in Qualitätsaktien investiert! Und wer Pulver trocken hat, kann durchaus bei gebeutelten Titeln mutig zugreifen.
Apropos gebeutelt: Zuletzt konnte man schön beobachten, dass die lange von vielen verschmähte „Old Economy“ allen Turbulenzen zum Trotz zu einem Comeback ansetzt. Denn während bei Technologiewerten offenbar ein bisschen die Luft raus ist und Softwareaktien teils regelrecht abgestürzt sind, ziehen viele Konsum-, Gesundheits- und Energiewerte an. Mich wundert das nicht, denn KI hin und Hiobsbotschaften her: Menschen essen und trinken nun mal „für ihr Leben gern“, Millionen Babys machen weiter Tag und Nacht die Windeln voll, ohne Energie steht die Weltwirtschaft still und ohne Gesundheit ist sowieso alles nichts!

Newsletter vom 18. März 2026
Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
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Überraschungen sind garantiert

Ich hoffe, Sie haben die Feiertage inklusive Jahreswechsel gut überstanden. Die Zeit „zwischen den Jahren“ nutze ich immer gerne, um das Jahr ein bisschen Revue passieren zu lassen: Was ist gut gelaufen? Was weniger gut? Wofür sollte man dankbar sein und worüber hat man sich vielleicht völlig umsonst aufgeregt? Die Börse darf bei der Rückschau selbstverständlich nicht fehlen – und da macht der Blick auf die vergangenen zwölf Monate ein ums andere Mal klar, wie wenig vorhersehbar die Marschrichtung der Märkte kurzfristig ist.
Den Trump‘schen Zollhammer im April hatte so massiv jedenfalls keiner auf der Rechnung – aber umgekehrt auch nicht, dass es anschließend dermaßen rasant wieder nach oben gehen würde. Es war sogar die schnellste Erholung aller Zeiten (nach einem mehr als 15-prozentigen Rückschlag), sagen die Statistiker. Wohl dem, der ruhig und investiert geblieben ist und nicht aus Angst vor einer Weltwirtschaftskrise noch schnell das Depot geräumt hat.
Ja, die Börse ist immer für Überraschungen gut – positiv wie negativ. Diese Unvorhersehbarkeit macht irgendwie auch ihren Reiz aus und ermöglicht uns erst deutlich höhere Renditen als auf dem Sparbuch. Unsicherheit lassen sich die Anleger eben „bezahlen“. Auch das neu angelaufene Jahr wird garantiert wieder jede Menge Überraschungen für uns bereithalten: Erleben wir eine Korrektur bei den KI-Aktien? Werden die zurückgebliebenen Konsumwerte wiederentdeckt? Gibt es endlich Frieden in der Ukraine? Erwacht Deutschland aus seiner Wirtschaftslethargie? Ich bin gespannt – und bleibe bei all dem mit Herzen Optimist.
Denn was auch immer in einem einzelnen Jahr an der Börse passiert, vorhersehen können wir es ohnehin nicht. Was ich aber mit gutem Gewissen behaupten kann: Langfristig zahlen sich ein breit aufgestelltes Depot aus Qualitätsaktien und beharrliches Investiertbleiben aus! Ich halte es deshalb wie Perikles aus der griechischen Antike:
„Es ist nicht unsere Aufgabe, die Zukunft vorauszusagen, sondern auf sie gut vorbereitet zu sein.“

Newsletter vom 07. Januar 2026
Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
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Das große Ganze sehen

Hin und wieder lohnt es sich, auch mal einen Schritt zurückzutreten. Denn inmitten des häufig turbulenten Börsenalltags vergessen wir mitunter, die langfristige Entwicklung zu sehen.
Langfristig an der Börse investiert zu sein, ist manchmal wie ein guter Freund: Da schaut man irgendwann nicht mehr jeden Tag auf die Macken, sondern betrachtet eher das große Ganze. Wer sein Geld seit Jahren in Qualitätsaktien steckt, regelmäßig Dividenden kassiert und wieder anlegt und dadurch unterm Strich steigende Werte in seinem Depot sieht, dem sind Tages- oder auch Wochenschwankungen weniger wichtig.
Ebenso ist es nicht ganz so tragisch, wenn mal eine Aktie abschmiert. Was zählt, ist das langfristig stetige Wachstum des Depots – wie auch eine Freundschaft sich mit den Jahren verstetigt. Diese Perspektive lässt mich gelassener handeln, auch wenn die Börse kurzfristig keine Einbahnstraße ist, sondern ein Auf und Ab, bei dem Geduld zählt. Eine entscheidende Rolle spielen dabei natürlich die Aktienauswahl und demzufolge einzelne Unternehmen.
Ob Air Liquide mit seiner außergewöhnlichen Kontinuität, mein Dauerfavorit Procter & Gamble mit fast schon legendärer Dividendenhistorie oder Visa als Profiteur des globalen Zahlungsverkehrs – diese Namen stehen stellvertretend für viele grundsolide Firmen, die langfristig Werte schaffen. Und die muss man dann auch nicht täglich messerscharf analysieren, sondern kann sich darauf verlassen, dass sie ihre Geschäfte – und damit auch ihren Aktienkurs – weiter vorantreiben. Klar, es gibt immer auch mal Rücksetzer und logischerweise endet nicht jeder Monat mit grünen Vorzeichen. Aber als optimistischer Börsianer erkennen und vertrauen Sie starken Geschäftsmodellen, die für langfristiges Wachstum sorgen.
Am Ende bildet genau das den Kern: Wir Langfristanleger, die in starke Unternehmen investieren – und dann noch breit streuen -, können Schwankungen viel geduldiger aushalten als der kurzfristige Zocker; Gelassenheit statt Aktionismus. Weil man eben weiß, die Welt dreht sich weiter, die Menschen brauchen diese Produkte, Dienstleistungen, Energie oder Zahlungsmittel – und unsere Wachstumskonzerne liefern genau das.
Treten Sie also hin und wieder einen Schritt zurück und schauen Sie auf das große Ganze: Optimismus bedeutet an der Börse vor allem, Vertrauen in den langfristigen Trend zu haben. Und so entsteht für mich aus den reinen Kursgewinnen mit der Zeit etwas noch viel Wertvolleres: Ruhe, Zuversicht und die Gewissheit, auf dem richtigen Weg zu sein.

Newsletter vom 08. Oktober 2025
Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
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Wieso, weshalb, warum – steigen die Aktien?

Neulich habe ich eine interessante Überschrift im Wall Street Journal gelesen: „Warum steigen die Aktien? Niemand weiß es.“ Im Text ging es um die aktuelle Börsensituation, aber es wurde auch ein Szenario von vor 30 Jahren erwähnt, als die Kurse genau wie heute anzogen, ohne dass man so richtig erklären konnte, warum. Das nutzten damals ulkige Schreiber und behaupteten in dem Artikel einfach, Analysten hätten angeblich die Geldmenge im Senegal und die Zahl der gefangenen Thunfische vor der Küste Perus als Ursache ausgemacht …
Sie bemerken, worauf ich hinauswill: Für Kursentwicklungen müssen Erklärungen her – und seien sie noch so an den Haaren herbeigezogen! Auch gerade jetzt tut sich so mancher Analyst mal wieder enorm schwer damit, die steigenden Kurse zu erklären. Kriege und Konflikte nehmen zu, Naturkatastrophen treten gefühlt immer häufiger auf. Und dann haben wir ja noch Donald Trump, der mit seinen Zöllen die ganze Weltwirtschaft verunsichert. Es wimmelt nur so vor Risiken. Wie können die Kurse da einfach steigen?
Nun, zuallererst gibt es für Aktien ja keine Verpflichtung, genau das zu tun, was die Fachleute gerade für richtig halten. Und dadurch taugen deren Voraussagen meist eher zur Unterhaltung denn als guter Tipp. Ich glaube, wenn man an der Börse wirklich clever sein will, dann fragt man sich gar nicht, warum die Kurse steigen. Erst recht nicht, warum sie gerade jetzt steigen. Am besten akzeptiert man einfach, dass man ohnehin nie alle Einflüsse auf die Kurse berechnen oder gar vorhersehen kann.
Gut, ganz so leicht will ich es mir dann aber doch nicht machen. Ich kann Ihnen nämlich verraten, warum die Kurse wirklich steigen. Und damit meine ich jetzt nicht steigende Firmengewinne, KI-Boom, Einigung bei Zöllen, Steuersenkungen in den USA …, sondern: Trommelwirbel!!! Weil unter dem Strich mehr Menschen ihr Geld an der Börse investieren.
Zack, das sitzt hoffentlich! Solange der Kapitalismus lebt, der Mensch nach Fortschritt strebt und Unternehmen Geld verdienen, so lange werden die Kurse auf Dauer steigen. Aktien sind und bleiben deshalb einfach eine attraktive Kapitalanlage. Aber diese Erklärung macht natürlich zu wenig her, als dass hochdekorierte Börsenexperten damit ihre Schlagzeilen füllen könnten …

Newsletter vom 3. September 2025
Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
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Gut Ding will (W)Eile haben

Stellen Sie sich einmal vor, Sie stehen vor der Entscheidung, ein Haus als Geldanlage zu kaufen: 6 Sekunden denken Sie über die möglichen Risiken der Immobilie nach: Überflutungsgefahr? Erdbebengebiet? Schlimme Nachbarn? So was eben. 54 Sekunden schauen Sie sich dann die reinen Fakten an: Baujahr? Quadratmeter? Heizung? Auch nicht ganz unwichtig. Den Großteil Ihrer Zeit aber – nämlich 3 Minuten und 24 Sekunden – analysieren Sie, wie sich der Hauspreis in den letzten Tagen entwickelt hat. Und dann schlagen Sie zu!
Klingt alles ziemlich absurd, oder? Niemand würde so jemals ein Haus kaufen! Eine Studie der New Yorker Universität hat aber kürzlich festgestellt, dass der durchschnittliche Privatanleger exakt so beim Aktienkauf vorgeht! 6 Sekunden schaut er auf mögliche Risiken, 54 Sekunden auf Fundamentaldaten und etwa dreieinhalb Minuten auf die Kursschwankungen der letzten Tage.
Zugegeben: Mein Vergleich mit dem Haus hinkt ein bisschen. Schließlich geht es da in der Regel um weit größere Summen. Erschreckend ist die Statistik trotzdem. Denn hier wird einmal mehr klar, dass viel zu viele Menschen das Thema Börse nicht als Chance begreifen, ihr Geld langfristig und solide anzulegen, sondern schlicht als Zockerei – und das dürfte hierzulande kaum anders sein. Dass man heutzutage per Fingertipp auf dem Smartphone fast gebührenfrei in Sekundenschnelle Aktien kaufen und verkaufen kann, ist da auch nicht unbedingt förderlich.
Verstehen Sie mich richtig: Man muss nicht zwingend wochenlang Bilanzen wälzen, Quartalszahlen aufdröseln und Branchenprognosen studieren, bevor man eine Aktie kauft. Aber am Ende sollte sich trotzdem jeder Anleger stets noch seine eigenen Gedanken machen und verstehen, in was er sein hart verdientes Geld überhaupt steckt. Denn: Je besser man „seine“ Unternehmen kennt und je überzeugter man von den Perspektiven ist, desto eher steht man auch hinter dem Investment in Phasen, in denen es an der Börse mal drunter und drüber geht. Phasen wie im April. Wohl dem, der da nicht vor lauter Panik auf den Verkaufsknopf der Broker-App gedrückt hat – denn die Erholung kam mal wieder schneller als gedacht.
Ich bin überzeugt: Wer sich mit seinen Unternehmen wohlfühlt, der hält solch turbulente Zeiten einfach leichter aus. Genau wie ein zufriedener Hausbesitzer, der nicht gleich beim ersten Hagelschaden zum Hörer greift und den Makler bestellt.

Newsletter vom 23. Juli 2025
Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
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Chance verpasst?

Da war sie also: die große Chance, mal wieder deutlich günstiger an Aktien zu kommen. Aber haben Sie im Zollcrash auch wirklich zu den Ausverkaufspreisen zugeschlagen? Manch einer würde sich jedenfalls am liebsten in den Hintern beißen, weil er zu lange gezögert hat.
Wie dem auch sei, jetzt haben die Kurse wieder kräftig angezogen und „die Straßenbahn“ scheint abgefahren. Der soll man laut einem Börsensprichwort auch nicht hinterherlaufen – denn die nächste kommt ja bestimmt. Gemeint ist damit, dass bald wieder mal ein günstiger Einstiegszeitpunkt winkt. Aber kommt der wirklich? Und wenn ja, wann?
Genau da liegt der Hase im Pfeffer: Wir wissen es einfach nicht. Ganz bestimmt läuft irgendwann mal wieder eine Rabattaktion an der Börse. Aber ob sich die Kurse schon morgen die nächste Auszeit gönnen oder erst wieder einen Marathon laufen, wer will das wissen? Es lohnt sich deshalb meiner Meinung nach auch nicht, darauf zu warten (selbst wenn manch einer sicher ist, dass US-Präsident Trump noch für jede Menge Sonderangebote sorgen wird …).
Stattdessen nehmen wir das Sprichwort wörtlich: Wir nutzen tatsächlich die nächste Straßenbahn – unabhängig vom Preis „des Tickets“! Wir steigen einfach in den Börsenzug ein, schließlich wollen wir ans Ziel kommen. Wer also kaufen wollte, kann das meiner Meinung nach jetzt genauso tun. Es spielt langfristig wirklich keine so große Rolle, ob Sie zehn Prozent höher oder tiefer zugreifen – Hauptsache, Sie tun es!
Wenn eine Aktie in 20 Jahren vielleicht bei 1.000 Euro notiert, dann ist ihr Kauf richtig, ganz gleich, ob sie vielleicht im April noch 90 Euro gekostet hat und jetzt womöglich 100 oder 110 Euro. Schmerzhaft wird es jedoch für diejenigen, die zum Beispiel auf einen neuen US-Präsidenten warten und womöglich erst in vier Jahren zuschlagen. Die Gefahr ist dann groß, dass für das Straßenbahnticket wesentlich mehr hingeblättert werden muss.
In diesem Sinne: Nur wer einsteigt, kommt ans Ziel! Und ich glaube, viele erfahrene Anleger sitzen schon längst unbeirrt im Zug …

Newsletter vom 11. Juni 2025
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