Kapitalmärkte kommen mit Krisen gut zurecht

Für die Aktienmärkte hätte die erste Jahreshälfte deutlich schlechter verlaufen können. Der Angriff der USA und Israels auf den Iran sowie die darauffolgende Sperrung der Straße von Hormus schickten die globalen Aktienmärkte zunächst auf Talfahrt. Tatsächlich kam es jedoch anders. Die Aktienmärkte beendeten das erste Halbjahr mit bemerkenswerten Kursgewinnen. So stieg der S&P 500 in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um zehn Prozent, der europäische Euro Stoxx 50 um mehr als elf Prozent und Aktien der Schwellenländer legten sogar um rund 24 Prozent zu.
Die starke Entwicklung der Aktienmärkte wäre kaum möglich gewesen, wenn die Weltwirtschaft empfindlich auf die geopolitischen Spannungen reagiert hätte. Stattdessen erwies sie sich erneut als bemerkenswert widerstandsfähig. Dazu tragen die Freigabe strategischer Ölreserven in den OECD-Ländern ebenso bei wie geringere chinesische Importe oder die Umleitung von Erdölströmen, wo immer dies möglich ist. Der eigentliche Grund für die starke Entwicklung der Aktienmärkte liegt jedoch woanders, nämlich bei den Unternehmensgewinnen. Diese haben sich zuletzt in einer Größenordnung entwickelt, die sonst nur in Erholungsphasen nach schweren Krisen erreicht wird. In diesem Jahr dürften die Unternehmensgewinne je Aktie nach Analystenschätzungen um rund 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr zulegen. Das ist mehr als beeindruckend. Die Gewinne sind damit stärker gestiegen als die Aktienkurse. Rein rechnerisch sind die Bewertungen vieler Aktien daher sogar gesunken. Ein Beispiel dafür sind Halbleiterunternehmen. Für diese erwarten wir in diesem Jahr eine Verdopplung der Gewinne. Die Aktienkurse sind bislang allerdings „nur“ um rund 50 Prozent gestiegen.
Was bedeutet das für Anleger? Zunächst einmal sollten die gesunkenen Bewertungen differenziert betrachtet werden. Gerade im Halbleiterbereich sind die Gewinne zuletzt so stark gestiegen, dass dies in Zukunft kaum weitergehen kann. Schließlich sind die Gewinne des einen die Kosten des anderen. Vor diesem Hintergrund haben wir unsere Empfehlung für den Halbleitersektor von „übergewichten” auf „neutral” reduziert. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich diese Aktien künftig nicht weiter positiv entwickeln können. Ob sie sich allerdings weiterhin deutlich besser als der Gesamtmarkt schlagen werden, erscheint zunehmend fraglich. Gerade in einem Umfeld hoher Erwartungen spricht vieles für ein ausgewogenes Portfolio statt einer Konzentration auf wenige Titel oder Sektoren.
Gut schlafen trotz Rezession!
In der Welt der Finanzen herrscht eine weitverbreitete Ansicht: Rezessionen stürzen die Welt ins Unglück. Sie werden oft mit wirtschaftlicher Unsicherheit und stark fallenden Aktienkursen in Verbindung gebracht. Doch es gibt eine paradoxe Seite dieser turbulenten wirtschaftlichen Phasen, denn tatsächlich kann eine Rezession auch positive Auswirkungen auf die Börse haben: inmitten von Sorgen und Ängsten bietet sie sogar vielerlei Chancen.
Während für einige Anleger ein fallender Aktienmarkt sehr beunruhigend sein mag, eröffnet dieser gleichzeitig günstige Nachkaufmöglichkeiten. Kluge Anleger erkennen, dass gesunkene Aktienkurse eine attraktive Gelegenheit darstellen, hochwertige Aktien zu niedrigen Preisen zu erwerben. Zudem kann eine Rezession dazu führen, dass Unternehmen sich effizienter und wettbewerbsfähiger aufstellen. In Zeiten wirtschaftlicher Flaute sind sie nämlich gezwungen, ihre Kosten zu senken und ihre Betriebsabläufe zu optimieren. Dieser Druck fördert den technologischen Fortschritt, was langfristig meist zu höherer Produktivität und Wachstum führt. Des Weiteren können Rezessionen dazu beitragen, überbewertete Märkte zu bereinigen. So steigen die Aktienkurse in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs oft über ihren fairen Wert hinaus, da die Euphorie die Investoren dazu verleitet, vielleicht etwas zu optimistisch zu sein. Eine Rezession dagegen kann als eine Art Realitätscheck dienen, indem sie überhöhte Bewertungen korrigiert und die Märkte auf ein gesünderes Niveau zurückführt.
Insgesamt kann eine Rezession trotz ihrer anfänglichen negativen Auswirkungen langfristige Vorteile für die Börse bieten. Letztendlich kommt es auf die Fähigkeit der Investoren an, die vielfältigen Chancen inmitten großer Unsicherheit zu erkennen.
Wer die schwierige und oft zeitraubende Einzeltitel-Auswahl scheut, kann auf aktiv gemanagte Investmentfonds zurückgreifen. Hierzu zählt der KSAM-Value² (WKN: A2JQHM) des Trierer Vermögensverwalters Kontor Stöwer Asset Management GmbH. Dieser Fonds wurde in Kooperation mit dem Bankhaus Donner & Reuschel aufgelegt und wird auch an der Börse Hamburg gehandelt. Im jüngsten Börsengewitter überzeugte der Fonds übrigens durch eine besonders hohe Wertstabilität.

Newsletter vom 21. Juni 2023
Dirk Stöwer – Geschäftsführer
Kontor Stöwer Asset Management GmbH
Zum Newsletter anmelden
Aktienmarkt: „Für die Eurozone sind wir etwas optimistischer als für die USA“
Auf der zweiten Amundi Investment Konferenz des Jahres analysierte Thomas Kruse, CIO bei Amundi Deutschland, vor rund 1.100 Online-Teilnehmenden die aktuelle Situation an den Märkten. Warum er Investorinnen und Investoren momentan zu einer defensiven Positionierung bei US-Aktien rät und welche Chancen Anleihen derzeit bieten, erläuterte der renommierte Experte im ausführlichen Interview.
Die Aktienmärkte in den USA und Europa stehen – gemessen an den ursprünglich recht negativen Erwartungen für das Jahr 2023 und angesichts einer Vielzahl an Herausforderungen – doch recht hoch. Wie bewerten Sie das, Herr Kruse?
Nach unserer Auffassung dürfte der Markt hier etwas zu optimistisch positioniert sein. Der Spielraum für Zinssenkungen ist wegen der hartnäckig hohen Kerninflation kaum vorhanden. Hinzu kommt in den USA, dass die Turbulenzen rund um einige US-Regionalbanken im Ergebnis zu einer Einschränkung bei der Kreditvergabe führen dürften. Dies könnte das ohnehin schon magere Wachstum der US-Wirtschaft weiter einbremsen. Wir gehen davon aus, dass die bereits niedrigen Wachstumsprognosen für 2023 realistischerweise um rund 0,5 Prozentpunkte nach unten korrigiert werden müssen. Deshalb rechnen wir auch mit einer sogenannten „technischen Rezession“ in den USA in diesem und dem nächsten Quartal.
Könnte dann der DAX den S&P 500 sogar outperformen?
Das ist durchaus möglich, denn wir bewerten die Eurozone und Deutschland 2023 leicht besser und robuster als die USA. Am grundsätzlichen Abstand der Indizes dürfte sich aber wenig ändern.
Werden die US-Technologiewerte besonders unter der restriktiven Kreditvergabe leiden?
Da muss man unterscheiden, weil „Tech“ ist eben nicht gleich „Tech“. Die großen etablierten Player im Markt dürften damit keine Probleme haben. Aber ja, kleinere und mittlere Technologieunternehmen, die noch wachsen, keine oder kaum Gewinne einfahren und noch investieren müssen, sind zwangsläufig betroffen. Hier sollte man sich als Investor aus unserer Sicht also defensiv positionieren.
Könnten dann Rohstoffe zur Diversifizierung beitragen?
Für zyklische Rohstoffe möchte ich das mit „Nein“ beantworten, dafür ist die Konjunktur zu schwach. Gold wäre allerdings ein eigenes Thema und bei angespannten Märkten eine Überlegung wert, und auch Öl dürfte aufgrund des andauernden Ukrainekriegs noch ein Thema sein.
Wie schätzen Sie die Gefahr ein, dass es in Deutschland und Europa noch zu einer ähnlichen Bankenkrise wie in den USA kommen könnte?
Damit rechnen wir nicht, denn wir haben in Europa eine wesentlich härtere Regulierung, als sie in den USA üblich ist. Auch die inverse Zinsstrukturkurve haben wir im Euroraum noch nicht so lange wie in den USA, was ebenfalls gegen größere Verwerfungen im Bankensektor spricht.
Könnten positive Überraschungen die Märkte nicht sogar zu einem neuen Höhenflug antreiben?
Sicher könnten gute Nachrichten die Aktienmärkte auf kurze Sicht weiter steigen lassen, vor allem, weil viele Investoren aktuell insgesamt eher defensiv positioniert sind. Doch unsere Einschätzung, die auch von Anna Rosenberg, Head of Geopolitics am Amundi Institute, gestützt wird, ist, dass bis in den Herbst hinein große, positive Überraschungen – etwa ein signifikantes Abflauen der Kerninflation, ein Ende des Kriegs in der Ukraine oder Waffenstillstandsverhandlungen sowie eine Entspannung zwischen China und den USA – eher unwahrscheinlich sind. Erst im 4. Quartal dürfte sich die Situation in Sachen Konjunktur wieder etwas entspannen.
Was bedeutet das für Kapitalanleger, die ihren Wohlstand sichern möchten?
Wir würden bei Aktien derzeit vorsichtiger sein, vor allem bei US-Werten. Wie gesagt sehen wir aktuell sogar leichte Vorteile für die Unternehmen der Eurozone. Die Zinspolitik der Notenbanken sollte aber auch Chancen bei den Anleihen eröffnen, die Investoren aktiv nutzen könnten. Wir denken hier vor allem an kurzfristige Staatsanleihen.
Rechtliche Hinweise: Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Informationen in diesem Dokument von Amundi Asset Management und sind aktuell mit Stand 03.05.2023. Die in diesem Dokument vertretenen Einschätzungen der Entwicklung von Wirtschaft und Märkten sind die gegenwärtige Meinung von Amundi Asset Management. Diese Einschätzungen können sich jederzeit aufgrund von Marktentwicklungen oder anderer Faktoren ändern. Es ist nicht gewährleistet, dass sich Länder, Märkte oder Sektoren so entwickeln wie erwartet. Diese Einschätzungen sind nicht als Anlageberatung, Empfehlungen für bestimmte Wertpapiere oder Indikation zum Handel im Auftrag bestimmter Produkte von Amundi Asset Management zu sehen. Es besteht keine Garantie, dass die erörterten Prognosen tatsächlich eintreten oder dass sich diese Entwicklungen fortsetzen.
So weit, so gut, aber wie geht es weiter?
Die Kapitalmärkte haben sich in den ersten Monaten des Jahres von ihrer freundlichen Seite gezeigt – und das trotz mäßigem Wachstums und nur langsam sinkender Inflation. Auch auf Sicht der kommenden zwölf Monate gehen wir davon aus, dass ungeachtet aller Gegenwinde sowohl auf der Aktien- als auch auf der Rentenseite ordentliche Gewinne erzielt werden können.
Bei unserem jüngsten CIO Day, in dessen Rahmen wir einmal im Quartal unsere Prognosen für die kommenden zwölf Monate erstellen, haben wir unseren Ausblick auf die Märkte aktualisiert. Was können die Anleger erwarten? Zunächst einmal rechnen wir mit einem eher verhaltenen Wachstum: In den USA gehen wir von einer milden Rezession aus, die im dritten Quartal ihren Tiefpunkt haben dürfte, gefolgt von einer ebenso schwachen Erholung. In Europa erwarten wir keine Rezession, aber auch keinen Aufschwung. Im Gegenteil: Waren wir im vergangenen Jahr weitaus zuversichtlicher für die deutsche und europäische Wirtschaft, so sind wir jetzt etwas skeptischer als viele andere Prognostiker.
Ganz offensichtlich haben die Krisen der jüngsten Zeit ihre Opfer gefordert. Obwohl das Wachstum schwach ist, produzieren die Unternehmen am Limit mit der Folge, dass Arbeitskräfte knapp sind und Löhne und Preise kräftig steigen. Um eine drohende Preis-Lohn-Spirale abzuwenden, werden die Zentralbanken die Zinsen weiter erhöhen müssen, etwa in Richtung 5,5 Prozent in den USA und 4 Prozent in der Eurozone. Und noch viel wichtiger: Wir erwarten in diesem Jahr keine Zinssenkungen – weder von der Fed, noch von der EZB.
Wenn wir unsere Marktprognosen für Mitte kommenden Jahres abgeben, müssen wir uns vor allem fragen: Wie schauen die Märkte dann in die Zukunft? Nun, die Rezession in den USA sollte dann hinter uns liegen, erste Schritte in Richtung einer geldpolitischen Normalisierung sollten gegangen sein. Das spricht für leicht steigende US-Renditen am langen Ende, und leicht sinkende am kurzen Ende, so dass wir wieder von einer positiv geneigten Zinsstrukturkurve ausgehen. Ein ähnliches Bild, aber auf niedrigerem Niveau, erwarten wir in Europa. So sollte die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen bei rund 2,8 Prozent stehen. Unternehmensanleihen, insbesondere Hochzinsanleihen, haben ein deutlich höheres Ertragspotenzial. Dies liegt daran, dass man einerseits die höheren Zinsen vereinnahmen und sogar noch von sinkenden Spreads profitieren kann und andererseits die Ausfälle überschaubar bleiben sollten. Schließlich erwarten wir keine schwere Rezession, die reihenweise Kreditausfälle nach sich ziehen würde.
Bei den Aktien sind wir ebenfalls recht optimistisch – außer für die USA. Mit steigenden Renditen in den USA könnten die Bewertungen unter Druck kommen. Für Europa, Japan und Schwellenländer, insbesondere in Asien, sind wir optimistischer. Hier könnten sich die hohen Bewertungsabschläge noch weiter verringern.
Alles in allem sind das gute Aussichten, wobei die Anleihenmärkte endlich wieder Potenzial für Diversifikation bieten. Das sollte man auch nutzen, denn die Unsicherheit ist so groß wie nie.


