Aktien schwächer – warten auf die FED
Das Zwischenhoch von vergangener Woche, der DAX verfehlte nur knapp die Marke von 16.000 Punkten, hielt nur kurz, alle führenden Aktienindizes liegen seit Tagen im Minus. Nachdem die EZB den Leitzins am vergangenen Donnerstag – für viele Marktteilnehmer durchaus überraschend – auf 4,5 Prozent angehoben hatte, steht für heute Abend der Zinsentscheid der FED bevor. Bleibt es bei der aktuellen Leitzinsspanne von 5,25 bis 5,50 Prozent? Angesichts der zuletzt eher starken US-Daten wäre eine Zinspause zu vertreten. Die FED würde sich damit die Option erhalten, bei Bedarf noch einmal eine Schippe drauflegen zu können.
Das Inflationsgespenst ist nicht verschwunden und die aktuell rückläufigen Preissteigerungsraten in den USA und Europa sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass einzelne dunkle Wolken am Horizont zu sehen sind. Stichwort Energiepreise: Die Benchmark im Energiesektor heißt Rohölpreis. Die für uns wichtige Sorte Brent kletterte allein von Juni bis September von 75 auf rund 95 USD, das sind 27 Prozent innerhalb von 3 Monaten und der höchste Stand seit November 2022. Tendenz weiter steigend, denn eine robuste Nachfrage trifft auf ein begrenztes, durch Förderkürzungen der OPEC+ zusätzlich verknapptes Angebot.
Keine guten Voraussetzungen für weiter fallende Inflationsraten und eine energieabhängige Industrieproduktion. Der kalendarische Herbst hat noch nicht begonnen, die ersten Stürme ziehen aber bereits heran. Bleiben Sie wachsam und wetterfest in diesen Tagen!


Newsletter vom 20. September 2023
Martin Braun, Börse Hannover

Die EZB lässt sich weiter Zeit
Die Europäische Zentralbank (EZB) nähert sich nur sehr langsam einem weniger expansiven geldpolitischen Kurs an. Zugegeben, die Gemengelage ist derzeit sehr komplex. Die Zwickmühle besteht aus weiter steigenden Inflationsraten, der fehlenden Aussicht auf eine zeitnahe Besserung der Situation bei den Kernpreistreibern Energie- und Rohstoffkosten sowie Lieferengpässen und beginnenden Ausstrahleffekten auf andere Inflationskomponenten einerseits und einem drohenden erneuten, stagflationär wirkenden Angebotsschock im Falle eines kompletten Stopps von Rohstofflieferungen aus Russland andererseits. Auch darf natürlich kein Zweifel an der Refinanzierungsfähigkeit aller Eurostaaten in einem Umfeld bereits deutlich steigender Marktzinsen aufkommen.
Immerhin hat die Notenbank auf der vorösterlichen Sitzung des EZB-Rats die bereits im März geweckte Erwartung der Beendigung der Nettowertpapierkäufe im Rahmen des APP-Programms im dritten Quartal deutlich untermauert und sich trotzdem alle Türen für künftige Leitzinsentscheidungen offengehalten. Leitzinsanhebungen sollen demnach abhängig von der EZB-eigenen Inflations-Projektion für die kommenden Jahre erfolgen. Die Voraussetzung ist ein Erreichen des Inflationsziels von 2 Prozent deutlich vor und ein Halten dieses Niveaus bis zum Ende des Projektionszeitraums, der aktuell die Jahre 2023 und 2024 umfasst.
Sofern der Inflationsdruck in den kommenden Wochen nicht deutlich nachlässt – was aus heutiger Sicht kaum zu erwarten ist – oder die wirtschaftliche Dynamik in der Eurozone erheblich einbricht, sollte die Notenbank diese Bedingung dringend durch eine entsprechende Anhebung ihrer eigenen Projektionen im Rahmen der Ratssitzung Anfang Juni quasi selbst erfüllen. Auch wenn sie steigende Rohstoffpreise und Verzögerungen bei Lieferketten nicht direkt beeinflussen kann, sollte sie der zunehmenden Gefahr einer sich selbst erfüllenden Spirale immer weiter steigender Inflationserwartungen entschiedener entgegentreten. Die konkrete Perspektive von Leitzinsanhebungen im Laufe des zweiten Halbjahres 2022 würde auch den Eurokurs stabilisieren, dessen Schwäche aktuell den Einkauf von in US-Dollar gehandelten Rohstoffen und sonstigen Gütern zusätzlich verteuert und die Inflation noch weiter befeuert. Für Anleger dürfte neben anderen Belastungsfaktoren – v.a. dem Ukrainekrieg – die offene Frage nach der künftigen EZB-Geldpolitik vorerst weiterhin Unsicherheiten mit sich bringen.

Newsletter vom 20. April 2022
Carsten Mumm – Chefvolkswirt und
Leiter der Kapitalmarktanalyse
Privatbank Donner & Reuschel
