Leitzinsen auf Sinkflug?

Die US-Fed hat die Zinsen stärker gesenkt als die meisten Beobachter angenommen hatten. Warum? Wie geht es weiter? Und was heißt das für die Märkte?
Für die meisten Beobachter etwas überraschend hat die amerikanische Zentralbank sich bei ihrem ersten Zinsschritt nach unten nicht auf 25 Basispunkte beschränkt, sondern hat gleich um 50 Basispunkte gesenkt. Auf der Pressekonferenz hat Fed-Chef Jerome Powell zugleich überdeutlich gemacht, dass er die US-Wirtschaft in sehr guter Verfassung sieht. Vermutlich wollte er damit verhindern, dass Marktbeobachter befürchteten, die Fed sänke die Zinsen deswegen so stark, weil sie etwas weiß, was andere nicht wissen. Das ist ihm offenbar gut gelungen, denn die Märkte haben fast euphorisch auf die Zinsentscheidung und die anschließende Pressekonferenz reagiert. Kann man jetzt erwarten, dass die Fed in dem Tempo weiter vorangeht? Vermutlich nicht, schließlich ist die Inflation noch nicht besiegt und die US-Wirtschaft ist ja tatsächlich noch in erstaunlich guter Verfassung. In Powells Worten ist die Fed geldpolitisch nicht im Rückstand und mit der beherzten Zinssenkung signalisiert sie, dass sie auch nicht in Rückstand geraten will. Zu tief sitzt noch die Erfahrung, zu spät mit den Zinserhöhungen angefangen zu haben.
Was heißt das für den Anleger? Die Senkung der Zinsen am kurzen Ende führt zu einer etwas steileren Zinsstrukturkurve. Für den Anleger ist das eine durchaus willkommene Entwicklung, da man durch das Halten langlaufender Rentenpapiere wieder stärker vom sogenannten Rolldown-Effekt profitieren kann. Der Rolldown-Effekt ergibt sich dadurch, dass eine Anleihe mit zehnjähriger Restlaufzeit nach einem Jahr nur noch eine Restlaufzeit von neun Jahren hat. Bei einer steilen Zinsstrukturkurve kann man sie dann mit einem kleinen Gewinn verkaufen.
Zum anderen ist das auch für Aktien eine positive Entwicklung. Schließlich refinanzieren sich viele Unternehmen eher kurzfristig. Mit der Zinssenkung verbessern sich also die Finanzierungskosten deutlich. Dies gilt insbesondere für Nebenwerte, die häufig einen höheren Anteil an kurzfristigen Verbindlichkeiten haben. Damit könnte die Performance der Aktienmärkte auf mehr Schultern aufgeteilt werden. In der jetzigen Marktphase eine ganz beruhigende Nachricht.

Newsletter vom 25. September 2024
Dr. Martin Moryson – Chefvolkswirt Europa
DWS
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Die neue finanzpolitische Weltordnung

Vor einem Jahr schrieb die FAZ „Die Welt zerfällt in Blöcke. (…) Ein Stratege sieht die Herausbildung zweier Blöcke – und Europa zwischen den Fronten.“ Die beiden finanz-politischen Blöcke – so fasst es Autor Martin Hock zusammen – sind China mit dem Appendix Afrika und Amerika im Lead auch für Lateinamerika. Europa wird eher abgeschlagen in seiner Stellung reduziert. Interessant: Russland spielt keine Rolle mehr. Russland, das sich ja selber als direkter Nachfolger der früheren Weltmacht Sowjetunion versteht. Wenn die Thesen des FAZ-Artikels stimmen, dann stellt sich die Frage, was bezweckt der kriegerische Aggressor Wladimir Putin? Vom Ende gedacht: Putin hat ein Ziel. Was ist sein Ziel?
In dem Zusammenhang ist es auch wichtig, die Psychologie des einzelnen Menschen in Russland zu bedenken. Es ist sicherlich nicht vergleichbar, aber rational haben wir uns nicht vorstellen können, dass die Mehrheit der britischen Bürger einem Brexit zustimmen oder Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten wählen. Vielleicht ist es das Ziel irgendwann nicht am „Katzentisch“ Platz nehmen zu müssen, während die drei großen Wirtschaftsblöcke miteinander konferieren.
Was sehen wir durch Krieg für Auswirkungen auf die Kapitalmärkte, auf die Zinspolitik der EZB aber auch auf die der FED? Besonders wollen wir einen Fokus auf kapitalmarktorientierte kleine und mittlere Unternehmen (KMU) richten.
Wir haben in den letzten Standpunkten immer mal wieder Stellung zur Zinspolitik der EZB und den zu recht gestiegenen Inflationsängsten bezogen. In Deutschland und in Italien ist es zu erwarten, dass die Energiepreise, da fast alles mit Gas betrieben wird, durch den Krieg in den Himmel steigen. Der Ausbau der „Freiheitsenergie“, damit meint Christian Lindner neuerdings Ökostrom, dauert und kostet viel Geld. Das wird die Inflation massiv weiter anheizen. Frankreich oder die Niederlande setzen auf Atomstrom. Öl kann anders bezogen werden – entweder aus den USA oder aus dem Nahen Osten. Mittlerweile ist das Barrel Öl der Referenzmarke Brent auf deutlich mehr als 100 Dollar angestiegen. Die Bundesregierung wird die Bürger mit höheren Unterstützungen an der Stange halten. Die EZB kann die Zinsen nicht erhöhen – etwas was wir seit Monaten geschrieben haben, weil sie politisch nicht kann. Der von Russland initiierte Krieg könnte das zarte Pflänzchen Konjunktur, das noch immer nach oder vielleicht sogar während der Corona-Krise viel Pflege, Dünger und Wasser braucht, sonst sehr schnell für lange Zeit verdorren. Es mag sein, dass die EZB und gewisse Voraussetzungen in diesem Jahr die Zinsen um 0,25 Prozent erhöhen wird. Das ist aber dann einfache Symbolpolitik und wirtschaftlich zu vernachlässigen.
Die FED hat mehrere Zinsschritte angekündigt, aber letzten Monat auch schon etwas relativiert. Auch hier ist es wahrscheinlich, dass es durch diesen Krieg zu einer kompletten Neubewertung kommen wird. Es bleibt abzuwarten, wann und wie es zu einer Kommunikation mit den Kapitalmärkten kommt.
Auf den ersten Blick gibt es bei den KMUs nur direkte Verlierer. Die sind schnell benannt. Es sind Unternehmen, die in russischer Abhängigkeit stehen. Bei den Mit-telstandsanleihen sind das offensichtlich Ekosem, Ekotechnika und der Fußballverein Schalke 04, weil dort bis gestern der Hauptsponsor Gazprom geheißen hat. Der Kurs der Anleihen von Ekosem hat sich seit Beginn der massiven Kriegsrhetorik von Putin in den letzten Tagen mehr als halbiert. Die Anleger haben kein Vertrauen. Schalke 04 hat in seinen beiden Anleihen heute ein deutliches Plus verzeichnen können, weil der Verein durch seine klare Distanzierung zu Gazprom Investor Relations betrieben hat. Es bleibt aber abzuwarten, ob dies nicht ein Strohfeuer ist, denn irgendwoher muss der hochverschuldete Verein schließlich das Geld für die Aufrechterhaltung des Spielbetriebs generieren. Zuschauereinnahmen sind es momentan nicht. Ekotechnika hat Ende Januar noch sehr gute Geschäftszahlen für 2021 verkündet, was zu einem hohen Kursplus führte. In den letzten Tagen ist der Aktienkurs auf unter den Ausgabepreis abgestürzt.
Das ist das am Kapitalmarkt Offensichtliche. Was aber ist mit dem Mittelständler und dementsprechend seiner Kapitalmarktpositionierung, der zum Beispiel im Textilbereich in der Ukraine produziert? Oder Unternehmen, die Waren nach Russland geliefert haben und durch die Aussetzung von SWIFT nicht mehr bezahlt werden können? Dies ist alles noch nicht an den Kapitalmärkten angekommen. Momentan wird erst einmal über die Politik und die großen Unternehmen gesprochen. Wir sind uns sicher, die Auswirkungen auf die kapitalmarktorientierten Unternehmen werden auch vorhanden sein. Hier gilt es, aktiv auf die Investoren zuzugehen und offen zu kommunizieren.
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Börsen Aktuell vom 2. März 2022
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Frühlingsgefühle treffen auf Aprilwetter!
Haben Sie beim Osterspaziergang bemerkt, mit welcher Kraft sich die Natur zurück meldet? Nach der grauen Winterpause gibt es überall frische Triebe in saftigem Grün und bei über 20 Grad kündigen die ersten Blüten den Sommer an. Doch nur Tage später liegt eine Schneeschicht auf der Pracht – aber die Pflanzen werden den Rückschlag überleben.
An der Börse ist es ähnlich: Die expansive Notenbankpolitik, gepaart mit großen Konjunkturprogrammen der Regierungen und eine historisch hohe Sparquote der Bevölkerung (teils wegen existenzieller Unsicherheit, oft aber auch mangels Konsummöglichkeiten), wirkt sich auf die Kapitalmärkte wie Dünger aus. Mit der erhöhten Nachfrage steigen die Börsenkurse fast automatisch, inzwischen nicht nur in den Stay-at-home-Branchen.
Die Indizes markieren neue Rekordstände und der DAX notierte gestern mit zwischenzeitlich über 15.300 Punkten schon höher, als es viele für das Jahresende zu prognostizieren wagten. So wenig glaubwürdig die Impf-Erlösung in der Bevölkerung derzeit gesehen wird – die Börsen haben die Kontrolle der Pandemie schon seit der Zulassung der ersten Vakzine auf dem Plan. Rückschläge gehören dazu – auch bei den Kursen.
Der Wechsel zwischen Sonne und Regen kann schnell passieren und gelegentlich kommen Gewitter, Sturm oder sogar ein Wintereinbruch dazu. Doch langfristig sind Frühling und Sommer nicht aufzuhalten, auch wenn sie nicht ewig bleiben können. Seien Sie für alles gerüstet – und nehmen Sie neben der Maske auch einen Schirm mit, wenn Sie raus gehen.
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Newsletter vom 07. April 2021
Thomas Strelow, Börse Düsseldorf
