Märkte im Aufwind trotz Krieg – wie kann das sein?

Dr. Martin Moryson

Die Aktienmärkte haben in diesem Jahr kräftig zugelegt: der S&P 500 um über zehn Prozent, der europäische Stoxx 600 um immerhin rund fünf Prozent und der japanische Nikkei um über 30 Prozent. Ein wesentlicher Treiber sind die hohen Investitionen in künstliche Intelligenz. Gleichwohl stellt sich die Frage, warum der Krieg im Iran die globale Wirtschaft nicht in eine Rezession und damit die Aktienmärkte auf Talfahrt geschickt hat.

Offensichtlich kommt die Wirtschaft deutlich besser mit der Situation zurecht, als man das vor Beginn des Kriegs vermutet hätte. Wie immer gilt, dass man die Anpassungsfähigkeit der Menschen, der Unternehmen und damit der Wirtschaft nicht unterschätzen sollte. Es gibt verschiedene Berechnungen, wieviel Öl nun tatsächlich „fehlt“, also wegen der Sperrung der Straße von Hormus nicht seinen Weg zum Verbraucher findet. Ursprünglich gingen mal rund 20 Prozent des globalen Verbrauchs von rund 100 Millionen Barrel pro Tag durch die Meerenge.

Ein nicht unerheblicher Teil dieser Menge kommt nun über andere Routen auf die Weltmärkte, beispielsweise über die East-West-Pipeline in Saudi-Arabien, die rund sieben Millionen Barrel pro Tag transportieren kann oder über die irakische Pipeline Richtung Türkei, mit rund einer Million Barrel pro Tag. Alle Produzenten fahren ihre Produktion so weit wie möglich hoch, selbst Venezuela produziert wieder über eine Million Barrel pro Tag.

Wie viele es genau sind, weiß man nicht, aber interessanterweise verlassen seit Beginn des Kriegs rund vier Tanker pro Tag die Straße Richtung offenes Meer. Bedenkt man, dass große Tanker bis zu zwei Millionen Barrel transportieren können, bekommt man langsam ein Gefühl dafür, warum die Weltwirtschaft sich als so resilient erweist. Die Freigabe der strategischen Ölreserven durch die OECD-Länder in der Größenordnung von rund vier Millionen Barrel pro Tag tun ihr Übriges.

Was bedeutet das für den Anleger? Zugegeben, es sind vor allem die Tech-Werte, die die Kurse treiben. Aber dass sich der Rest der Wirtschaft nicht in einer Rezession befindet, ist eine notwendige Voraussetzung für den Aufschwung gewesen. Soll sich die positive Entwicklung an den Aktienmärkten fortsetzen, müssen zwei Dinge weiterhin gelten: Die Tech-Konzerne müssen weiterhin ihre Gewinne liefern und die restliche Wirtschaft muss ihre Resilienz erhalten. Fällt eine der beiden Voraussetzungen weg, könnte es schwer werden für die Aktienmärkte.

Newsletter vom 03. Juni 2026

Dr. Martin Moryson – Chefvolkswirt Europa
DWS

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Iran-Krieg sorgt für Unsicherheit und volatile Märkte

Der Angriffskrieg gegen den Iran befindet sich bereits in der dritten Woche und ein Ende ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Der regionale Konflikt entwickelt sich zunehmend zu einem unkontrollierbaren Flächenbrand im Nahen Osten. Zudem ist die wichtige Straße von Hormus für die meisten Schiffe blockiert. Die Öl- und Gaspreise sind bereits explodiert und haben weiter Potenzial nach oben, Experten halten sogar einen Anstieg auf 150 Dollar/Barrel Rohöl für möglich. Das wäre eine Verdoppelung innerhalb weniger Wochen mit verheerenden Folgen für die Weltwirtschaft. Insbesondere Deutschland und Europa, aber auch Öl-/Gasimporteure wie Japan und Südkorea würden die Leidtragenden sein. Wenn nicht eine Rezession, so droht mindestens Stagflation und last, not least könnten die führenden Notenbanken noch in diesem Jahr wieder mit Zinsanhebungen reagieren, um die Inflation zu bekämpfen. Erste Signale in diese Richtung könnten heute Abend nach der Fed-Sitzung und Donnerstagnachmittag von der EZB kommen.

Bei den Spritpreisen ist ein Ergebnis des Krieges bereits bei uns angekommen. Und ähnlich wie 2022, als der Ölpreis (Brent) aufgrund des Krieges in der Ukraine bis auf 130 US-Dollar emporschnellte, zeigen sich Politiker kopflos und holen die gleichen Ideen aus der Mottenkiste, mit denen sie sich bereits vor vier Jahren profilieren wollten. Stichworte wie Übergewinnsteuer, totale Preistransparenz und Abzocke der Ölkonzerne werden zurzeit gerne in den Mund genommen.

Dabei wird aber leider ausgeblendet, wer am meisten von den hohen Sprit- und Energiepreisen profitiert! Das ist der Staat selber, denn jeder Cent mehr an der Zapfsäule spült zusätzliche Steuer-Milliarden in die chronisch leere Kasse. Laut einer Berechnung des ADAC von Anfang März lag der Steuer- und Abgabenanteil auf Benzin (E10) bei 58 Prozent. Der Rohölpreis (Brent) in Euro ist kriegsbedingt seit Ende Februar um rund 45 Prozent gestiegen, der Preis für Benzin E10 im gleichen Zeitraum um lediglich 17 Prozent. Wo bitte schön ist das Problem?

Ein Blick in unsere EU-Nachbarländer Polen und Tschechien zeigt deutlich, dass es auch anders geht. In Polen ist das Benzin bis zu 70 Cent pro Liter günstiger zu haben. Und anstatt an der Steuerschraube mal nach unten zu drehen, um Verbraucher zu entlasten, reagiert unser Staat lieber mit Regulierung und Markteingriffen sowie Grenzkontrollen, um Spritsparer zu kriminalisieren und zur Kasse zu bitten.

Einen interessanten Einwurf zu Energieaktien und der Kompetenz unserer Politiker in aktueller Lage liefert Dr. Christoph Bruns von der LOYS AG in seiner aktuellen Kolumne. Der DAX zeigt in der unsicheren Lage aktuell eher kleine Handelsspannen und notiert weiter unterhalb von 24.000 Punkten.

Ihr Martin Braun, Börse Hannover

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Newsletter vom 18. März 2026

Martin Braun, Börse Hannover

Krieg im Iran – was bedeutet dies für die Märkte?

Dr. Martin Moryson

Die Entwicklungen im Iran und in der umliegenden Region sind äußerst dramatisch. Wir hoffen auf eine baldige Verbesserung der Situation – vor allem für die Menschen vor Ort. Gleichzeitig bleibt es unsere Aufgabe, die wirtschaftlichen Auswirkungen des Konflikts sowie die Konsequenzen für Anleger einzuschätzen.

Die Bedeutung des Irans für die Weltwirtschaft ist – abgesehen vom Ölpreis – gering. Nach Jahren der Sanktionen und Misswirtschaft ist das Land abgewirtschaftet. Zwar ist der Iran ein großer Ölproduzent, der für rund drei Prozent der globalen Ölproduktion steht, aber das Land ist zugleich ein großer Ölverbraucher und von den Exporten landet der Großteil derzeit in China. Aufgrund des aktuellen strukturellen Öl-Überangebots dürften die Folgen einer Produktionsbeeinträchtigung im Iran allerdings überschaubar bleiben.

Der dominante Transmissionskanal des Nahostkonflikts auf die globale Wirtschaft sind die Energiepreise. Durch die Straße von Hormus geht rund ein Fünftel des globalen Ölangebots und etwa der gleiche Anteil der globalen Flüssigerdgas-Produktion. Genau hier stecken die Probleme. Während der Ölpreis seit Jahresanfang um rund 33 Prozent gestiegen ist, haben sich die Gaspreise mehr als verdoppelt. Nach unabhängigen Berechnungen könnte sich der Flüssigerdgas-Preis nochmals verdoppeln, wenn die Straße von Hormus über Monate gesperrt bliebe.

Welche Überlegungen Donald Trump zu diesem Angriff bewogen haben, bleibt schwer abzuschätzen. Es ist aber durchaus wahrscheinlich, dass er die militärischen Aktivitäten beendet, sobald ihm die politischen Kosten zu hoch erscheinen. Zu diesen politischen Kosten zählen auch sinkende Aktienkurse und steigende Ölpreise – nicht jedoch ein steigender Flüssigerdgas-Preis. Der schmerzt Europa und freut die USA. Da überdies Europa Nettoimporteur und die USA Nettoexporteur von Erdöl sind, dürften zumindest in der kurzen Frist europäische Aktien stärker von dem Krieg betroffen sein als US-amerikanische. Für die sich anschließende Erholung ist allerdings ebenfalls zu erwarten, dass sie in Europa stärker ausfällt.

Vor diesem Hintergrund ist man mit einem breit diversifizierten Portfolio weiterhin gut aufgestellt. Die Anleiherenditen sind auf einem auskömmlichen Niveau. Mit der Erwartung einer stabilen wirtschaftlichen Entwicklung sind die Aussichten für Aktien weiterhin gut – in den USA und in Europa. So gesehen könnten die aktuellen Kursrückgänge sich durchaus als Kaufgelegenheiten erweisen.

Newsletter vom 04. März 2026

Dr. Martin Moryson – Chefvolkswirt Europa
DWS

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Aktienmärkte erholen sich nach Waffenruhe in Nahost

Gefährliche zwei Wochen liegen hinter uns. Die Bombardierung der iranischen Atomanlagen hatte nicht nur das Potenzial, einen überregionalen Konflikt auszulösen, sondern auch eine nukleare Katastrophe zu verursachen. Der US-Präsident scheint sich dessen bewusst gewesen zu sein, nicht umsonst hat er nach dem Schlagabtausch schnellstmöglich eine Waffenruhe verkündet und beide Konfliktparteien zur Einhaltung verdonnert. Wer jedoch glaubt, damit würde dauerhaft Ruhe in der Region einkehren, unterliegt einer gefährlichen Illusion.

Die Märkte können aber erst einmal durchatmen, DAX, Dow & Co. zeigten sich gestern mit einem Plus von 1,2 bis 1,6 Prozent erholt; der Nasdaq 100 erreichte gestern sogar ein neues Rekordhoch. Nachdem das Krisenbarometer Ölpreis am Sonntag nach dem Eingreifen der USA kurzzeitig die Marke von 86 US-Dollar (Brent) überschritten hatte, kam am Montag eine deutliche Korrektur bis auf 70 Dollar bis Handelsschluss, ein Minus von sagenhaften 18 Prozent. Aktuell liegt Brent Oil mit 67 Dollar wieder auf dem Niveau von vor 14 Tagen. Tendenz eher weiter schwächer, weil die Gefahr einer Blockade der Straße von Hormus durch den Iran erst einmal gebannt ist.
 
Nachdem der Markt für Aktien-Neuemissionen (IPOs) in den zurückliegenden Jahren fast zum Erliegen gekommen ist, versuchte in diesen Tagen der Berliner Auto-Ersatzteilhändler Autodoc bereits zum zweiten Mal sein Börsendebüt. Die Aktien wurden ursprünglich in einer Preisspanne von 58 bis 61 Euro je Aktie angeboten und sollten zu 58 bzw. 59 Euro zugeteilt werden. Dazu kam es aber nicht mehr, die Emission wurde gestern noch abgesagt, wahrscheinlich war das Zeichnungsbuch nicht ausreichend gefüllt. Mit dem Medizintechnik-Software-Spezialisten Brainlab steht aber bereits ein weiteres Unternehmen in den Startlöchern. Vielleicht reizt diese Branche die Investoren mehr als Autoersatzteile. Professionelle Investoren präferieren Wachstumsbranchen und haben klare Preisvorstellungen.

Ein turbulentes erstes Halbjahr liegt hinter uns, wollen wir hoffen, dass es im zweiten Halbjahr weniger volatil weitergeht.

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Newsletter vom 25. Juni 2025

Martin Braun, Börse Hannover

Rezession voraus? Geschäfts- und Konsumklima auf Tiefpunkten

Ein Unglück kommt bekanntlich selten allein. Zurzeit braut sich jedoch eine Gemengelage aus Belastungsfaktoren zusammen, die bedrohliche Ausmaße für Wirtschaft und Gesellschaft erreicht. Laut ifo-Institut hat sich der Geschäftsklimaindex weiter deutlich abgekühlt, er sank im Juli auf 88,6 Punkte nach 92,2 im Juni. Das ist der niedrigste Wert seit Juni 2020, als die Wirtschaft erstmals Corona zu spüren bekam. Aktuell belasten insbesondere die hohen Energiepreise und die drohende Versorgungsknappheit beim Gas. „Deutschland stehe an der Schwelle zur Rezession“, so das ifo-Institut.

Kein Wunder, dass auch die Stimmung der Verbraucher zu wünschen übriglässt. In einer Umfrage der Nürnberger GfK hat das Konsumklima in Deutschland für Juli ein neues Allzeittief erreicht. Dabei wurde der Tiefstwert vom Vormonat unterboten und auch der Ausblick für August ist nochmals negativ. Seit Beginn der Erhebung im Jahr 1991 wurde laut GfK kein schlechterer Wert gemessen, selbst in den Lockdown-Phasen der Corona-Pandemie war die Stimmung besser.

Da wundert es wenig, dass der Aktienmarkt verschnupft reagiert. Der DAX ging gestern bei 13.097 Punkten mit minus 0,86 Prozent aus dem offiziellen Handel, der EuroStoxx50 und die US-Börsen schlossen ebenfalls im Minus. Verschärft werden könnte die Rezessionsgefahr zudem von weiteren Zinserhöhungen der Notenbanken. Auf der heutigen Sitzung der FED erwartet man eine Anhebung des Leitzinses um weitere 0,75 Prozentpunkte. Von einer Sommerpause kann aktuell keine Rede sein, fast täglich kommen neue Meldungen, die gravierende Auswirkungen auf das Marktgeschehen haben können.

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Newsletter vom 27. Juli 2022

Martin Braun, Börse Hannover

Übergewinnsteuer ahoi

Politischer Aktionismus treibt in Krisenzeiten bekanntlich seine Stilblüten. Dass es dabei nicht immer bzw. immer weniger nach marktwirtschaftlichen Prinzipien zugeht, erleben wir genau in diesen Tagen. „Übergewinnsteuer“ heißt das neue Zauberwort der kreativen Politköpfe in Deutschland, Großbritannien und Italien. Ausgerechnet der „Musterschüler“ Bremen profiliert sich mit einer Bundesratsinitiative zu diesem Thema – ein Schelm, wer Böses dabei denkt! Dabei geht es um eine Art Sondersteuer, die Unternehmen zahlen sollen, die aufgrund kriegsbedingter Preissteigerungen mehr Gewinn erzielt haben. Klingt auf den ersten Blick interessant und gerecht, entpuppt sich aber nach näherem Hinsehen als ein weiterer Versuch staatlicher Eingriffe und ein „Abschied von der Marktwirtschaft“. Betroffen von der Übergewinnsteuer wären insbesondere Öl- und Gasunternehmen, die aktuell natürlich von den hohen Preisen dieser Energieträger profitieren. Vor nicht einmal zwei Jahren, als der Ölpreis am Boden war, mussten genau diese Unternehmen Sonderabschreibungen vornehmen und haben teilweise tiefrote Zahlen geschrieben. Wo sollen denn die dringend notwenigen Investitionen in Erneuerbare Energien und die Energieversorgung herkommen, wenn Gewinne nach Belieben gleich abgeschöpft werden? Unternehmen investieren nur dann, wenn der jeweilige Standort ihnen Sicherheit und Berechenbarkeit bietet. „In guten, wie in schlechten Zeiten“, das sind die Spielregeln der Marktwirtschaft.

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Newsletter vom 01. Juni 2022

Martin Braun, Börse Hannover

Die Auferstehung der Fossilien

Monatlicher Kapitalmarkt-Standpunkt von Kai Jordan, Vorstand der mwb Wertpapierhandelsbank AG

Nun ist es rum, das Osterfest mit den Feierlichkeiten zur Auferstehung. Gleichzeitig entwickelt sich die Situation rund um den Angriffskrieg der russischen Föderation zu einer innereuropäischen und vor allem in Deutschland heftigen Diskussion rund um die Lieferung schwerer Waffen oder die Ausweitung der Boykottmaßnahmen bei den Energieträgern. Wir haben in unserem Sonderstandpunkt „er muss ihn haben“ dazu bereits Position bezogen und die kontroverse Diskussion mit stichhaltigen Argumenten auf beiden Seiten weiter verfolgt.

Wenngleich wir der Meinung sind, dass an der Entwicklung der Situation um die Ukraine auch Zauberlehrlinge aus dem Westen mitgemischt haben, so ist die jetzige Eskalation auf dem Schlachtfeld ein furchtbarer Rückfall in längst vergessene Zeiten und mancher der hofft, dass sich diese Situation – nach einem hoffentlich raschen Ende des Konflikts wieder normalisieren sollte – wird sich noch die Augen reiben. Das wird nicht der Fall sein. Dieser Rückfall bringt die Wiederauferstehung einiger ebenfalls längst totgesagter Fossilien. So schlagzeilte die Welt Anfang April zu Putin „Als Kriegsherr ein Stalin, ökonomisch Ceausescu“.

Die Situation rund um die europäische und globale Sicherheit und Versorgungslage führt zu einer massiven Diskussion über Dinge, die aus unserer Sicht bereits versteinert waren oder auf dem Weg dahin. Der lange nicht für möglich gehaltene Rückfall Europas in einen Kriegszustand sorgt jetzt auch auf EU -Ebene für eine Rolle rückwärts bei der Beurteilung dessen, was als ESG-konform angesehen wird. So verdichten sich derzeit die Zeichen, dass in Brüssel nach Wegen gesucht wird, Waffenhersteller aus dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit wieder als investierbar einzuordnen. Öl und Gas stehen auf dem Prüfstand.

Putin war bereits vor dem Beginn des Krieges der aus seiner ökonomischen Perspektive nachvollziehbaren Auffassung, dass der Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen nicht bis 2035 oder 2050, sondern nur bis 2070 möglich sei. Auch die Europäer erkennen nun faktisch, wie stark sie in ihrer Gesamtheit von diesen Lieferungen abhängig sind. Egal ob Fracking oder Katar – es gibt keine Idee, die ökologisch und gleichzeitig den Energiehunger der Industrie gleichzeitig befriedigen kann. Viele Staaten insbesondere aus Osteuropa halten nun Ausschau nach fossilem Ersatz, der oft sogar noch klimaschädlicher ist als russisches Öl und Gas. Kohle und Flüssiggas sind 2021 zu Recht geächtet worden. Nun wird über eine Kohleverstromung in Deutschland diskutiert.
In Teilen Europas schielen Regierungen wieder auf Gas- und Ölfelder, deren Erschließung dem Klima zuliebe bis vor Kurzem noch tabu war. Auch in den USA werden Bidens Bemühungen zum Klimaschutz immer mehr ausgebremst.
Die Agrarlobby versucht mit Hinblick auf die Lebensmittelversorgung die Uhr zurückzudrehen. Die EU-Kommission hat ein Aktionsprogramm vorgestellt, in dem auf Flächen, die eigentlich aus Naturschutzgründen brach gelassen werden sollen, kurzfristig wieder angebaut werden darf. Klimafreundlichkeit oder Nachhaltigkeit sind vorübergehend zweitrangig – dabei ist die Landwirtschaft für bis zu einem Drittel der globalen klimaschädlichen Emissionen verantwortlich. „Die Gefahr sei groß, dass aus der kurzfristigen, kriegsbedingten Suche nach fossilen Ersatzquellen wieder eine langfristige Abhängigkeit entstehe, warnte Uno-Generalsekretär Guterres vor kurzem. »Das ist Wahnsinn.«

Doch wegen der Inflation schauen die Verbraucher mehr aufs Geld – und weniger auf Klimaschutz und Tierwohl. Dabei muss langfristig klar sein: »Wenn wir fossile Energien von Autokraten importieren, bringen wir unsere Sicherheit in Gefahr und heizen die Klimakrise weiter an.«
Und diese Klimakrise pausiert nicht, nur weil die Menschen einmal mehr Krieg führen. In der Arktis auf der Nordhalbkugel geht das Eis durch die Erderwärmung drastisch zurück. Nun beobachten Forscher dies auch für den Südpol. Die Erderwärmung hat auf allen Kontinenten größeren Schaden angerichtet als bislang angenommen“, warnte der Weltklimarat in einem neuen Bericht zu den Folgen der Klimakrise. Polar-, Berg- und Küstenregionen überall stünden vor dem Kollaps, mit kaum noch beherrschbaren Auswirkungen auf den Menschen. »Fast die Hälfte der Menschheit lebt – jetzt – in der Gefahrenzone«, sagte Uno-Generalsekretär António Guterres. »Viele Ökosysteme sind – jetzt – an einem Punkt angekommen, von dem es kein Zurück mehr gibt.« Dann fügte er hinzu: »Aufschub bedeutet Tod.«

Dabei zeigt sich mit jedem Tag deutlicher, dass sich Putins Krieg unmittelbar und potenziell verheerend auf die von Guterres beschriebene Lage auswirkt. Die in Deutschland bereits versteinerte Diskussion zur Atomenergie wird neu aufgemacht und in Ländern wie Frankreich beispielsweise auch beantwortet. Und Tesla Boss Elon Musk sagte jüngst in einem Interview: „Absoluter Wahnsinn von Deutschland, jetzt die Kernkraftwerke abzuschalten“ Eine ausweglose Situation? Mitnichten, wenn es den Regierungen gelingt, hier gegen alle Widerstände insbesondere aus dem Bereich rechtspopulistischer Parteien einen klaren Kurs beizbehalten.

Es sei „eine riesige Chance«, die Energieversorgung Europas noch schneller noch grüner zu gestalten“, sagte Frans Timmermans, der Green-Deal-Beauftragte der EU-Kommission. Ob dabei das Thema Atomenergie eine sinnvolle Lösung darstellen kann, können wir hier in der Kürze nicht beurteilen. Wir hören aber auch hier von Entwicklungen und Effizienzsteigerungen auch bei der Frage der Endlagerung.
Allerdings müssen die EU und die Regierungen die nunmehr ggfs. veränderten Rahmenbedingungen zügig abstecken, damit Sicherheit für die gigantischen Investitionsherausforderungen der Dekarbonisierung und den Umbau der Wirtschaft gegeben ist. Dann werden auch die Kapitalmärkte weiterhin substanziellen Beitrag leisten können zur Finanzierung dieser Herkulesaufgabe. Auch – und gerade im wichtigen KMU-Segment, dem Rückgrat der deutschen Wirtschaft.

Wir gehen davon aus, dass die westlichen Regierungen zumindest mittelfristig die richtigen Entscheidungen treffen werden. Die Märkte spiegeln dies trotz des Zinsanstieges auch wider. Damit stehen sie Emittenten mit zukunftsorientierten Geschäftsmodellen auch weiterhin offen – trotz der halben „Rolle rückwärts“ die wir vorstehend beschreiben.

Gelingt dies allerdings nicht, dann profitieren nur die Deichbauer. So ging der Aktienkurs des holländischen (das Land liegt teilweise 6 Meter unter dem Meeresspiegel) Spezialisten Boskalis Westminster vor kurzem wegen eines Kaufangebotes des Großaktionärs durch die Decke. Boskalis ist ein international operierendes Unternehmen und ist – nach eigenen Angaben – Weltmarktführer im Bereich von Baggerarbeiten, Landgewinnung, Küstenschutz und damit verbundenen Services. Als Kernkompetenzen sieht das Unternehmen vor allem die Konstruktion und den Betrieb von Häfen und Wasserwegen, die Landgewinnung, Küstenbefestigung sowie den Flussuferschutz. Und das Unternehmen erhielt einen weiteren Auftrag zur Küstenbefestigung der Küsten in Togo und Benin. Eine Empfehlung zu dieser Aktie geben wir ausdrücklich nicht ab. Aber wie wusste schon der Schimmelreiter: „wer nicht will deichen der muss weichen“. Und endet am Ende womöglich auch als Fossil.

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mwb Kapitalmarkt-Standpunkt

vom 21. April 2022
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Kai Jordan – Vorstand der mwb Wertpapierhandelsbank AG

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Er muss ihn haben!

Deutschland diskutiert. Deutschland ist zwiegespalten. Kann sich die deutsche Volkswirtschaft neben den Auswirkungen von Corona auch noch weitergehende Sanktionen gegen Russland – besser gesagt, gegen einen faktischen Diktator Wladimir Putin – leisten? Riskieren wir damit unseren Wohlstand? Wird die Inflation in ungeahnte Höhen schnellen?

Wir denken, es ist nicht zu bestreiten: Gerade Deutschland hat seine grausamen Erfahrungen mit Autokraten und „gewählten“ Diktatoren gemacht. Die restliche Welt im zweiten Schritt dann ebenso. Hitler-Deutschland wurde zu spät Einhalt geboten. Diesen Fehler hat die Welt bisher bei Putin-Russland nicht gemacht. Zum Glück zeigen sich bis jetzt Europa und die USA weitgehend einig und haben weitreichende Sanktionen verhängt. Aber reichen die aus? Ein Fußball-Bild beschreibt die momentane Lage aus unserer Sicht. Der Torwart sieht den Stürmer auf sich zukommen und entscheidet sich richtigerweise von der Linie nach draußen zu eilen, um ein Tor zu verhindern. Was er auf gar keinen Fall machen darf, ist seine richtige Entscheidung zu konterkarieren, indem er stoppt und sich selbst aller Vorteile beraubt.

Wir dürfen nicht den Fehler machen, auf halben Weg stehen zu bleiben, weil wir als Europäer Angst haben. Der Rubel hat 40 Prozent seines Wertes gegenüber dem „Prä“ des Aggressionskriegs verloren. Es gibt faktisch keinen russischen Aktienmarkt mehr. Russische Staatsanleihen sind auf Ramschniveau. Die Inflation, die auch gerade die entscheidenden „B-Personen“ trifft, das heißt den russischen Staatsapparat, liegt bei mehr als 20 Prozent.

Deutschland als führender europäischer Staat hat über mehr als ein Jahrzehnt verteidigungspolitisch versagt. Deutschland darf in einem geeinigten Europa nicht nur die führende Wirtschaftsnation sein, sondern muss erkennen, dass das Land für Europa militärische Verantwortung übernehmen muss. Drei CDU/CSU Verteidigungsminister haben uns in diese Bredouille gebracht. Fairerweise muss man festhalten, dass die Etats und die angebliche Reform der Bundeswehr auch mit Unterstützung eines Finanzministers, der heute Bundeskanzler ist, und eines Außenministers, der heute Bundespräsident ist, von der SPD gemacht worden sind. Zusätzlich hat am Anfang dieses Jahrtausends eine SPD-Regierung das stattliche Unternehmen IVG privatisiert, die später im Rahmen der Saal Oppenheim-Insolvenz in Schwierigkeiten geriet. Die IVG war der Eigentümer, der norddeutschen Kavernen, in denen das Gas gelagert wird und war finanziell gezwungen, diese Kavernen an russische Unternehmen zu verkaufen. Es entsteht momentan der Eindruck, dass die wirkliche Richtlinienkompetenz beim grünen Wirtschafts- und Außenministerium ist.

Wir möchten noch einmal auf unser Bild mit dem Torwart zurückkommen. Wir diskutieren darüber, ob wir den Winkel für den Stürmer weiter verkürzen und ihn so am Torschuss hindern. Kann sich Europa – insbesondere Deutschland – leisten, auf russisches Öl und Gas zu verzichten? Wird dies Wladimir Putin kurzfristig beeindrucken? Es gibt zwei Zahlen, die wir explizit hervorheben möchten. Sage und schreibe 40 Prozent des Staatshaushaltes Russlands wurden durch Steuereinnahmen auf Gas- und Öl-Exporten im Jahr 2021 erzielt. Jeden Tag vereinnahmt Russland, faktisch Wladimir Putin, durch den Verkauf von Öl und Gas an die Europäer, an Deutschland, 500 Mio. Euro, die er benötigt, um sein Militär und seine Geheimdienste oder den Polizeiapparat zu bezahlen.

Kann es Deutschland sich leisten, auf die russischen Öl- und Gaslieferungen zu verzichten, um nachweislich Putin zu schwächen, zu destabilisieren, vielleicht sogar abzuschaffen? Dazu gibt es verschiedene Studien, die sagen, dass Europa einen schmerzhaften, aber machbaren Einschnitt erlebt, wenn das System Putin zerstört werden soll. Studien von verschiedenen europäischen Denkfabriken gehen davon aus, dass in Europa durch den direkten Verzicht auf russische fossile Energien ein Einkommensverlust von durchschnittlich einem Prozent zu erwarten sei. Die Wirtschaftsleistung Europas würde um zwei Prozent sinken. Es wird prognostiziert, dass Europa ohne russisches Gas den nächsten Winter überstehen wird. Zusätzlich sollten wir alle daran denken, dass wir heute einen Aggressor und einen Diktator in Europa zu bekämpfen haben und heute Maßnahmen ergreifen sollten.

Wir sind überzeugt, dass ein Importstopp von Energieträgern die beste Möglichkeit ist, Putins Angriffskrieg zu stoppen oder zu erschweren und der Russischen Föderation damit die finanzielle Basis zu entziehen. Die Welt steht im Frühjahr des Jahres 2022 und die Macht, die Wladimir Putin über Europa durch den Export von wichtigen Rohstoffen sodann hat, ist denkbar gering. Wir haben in den letzten Tagen gesehen, dass auch die Verwerfungen am Kapitalmarkt nur kurzfristig waren. Anleger und Investoren schätzen die Lage richtig ein und sind wieder auf einem soliden Fundament zurück. Jetzt muss nur noch der Torwart den Einschusswinkel entscheidend verkürzen und wir sollten Wladimir Putin tägliche 500 Mio. Euro entziehen. Denn wenn der Torwart rauskommt gibt es nur noch eine Regel: „Er muss ihn haben“!

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mwb Kapitalmarkt-Standpunkt

vom 24. März 2022
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Ukraine: Rohstoffe am Scheideweg

Der Einfall Russlands in die Ukraine ist eine humanitäre Katastrophe und ein Schock für die westliche Gesellschaft. Während der letzten Jahre lag der Fokus der Investoren auf der Energiewende. Diese wird selbst ohne Kriegseinfluss schwierig durchzuführen sein. Doch mit dem Einfall russischer Truppen in die Ukraine dürfte sich die Blickrichtung der westlichen Welt radikal verändern. Schon jetzt kennen Gas-, Öl- und Benzinpreise nur eine Richtung: steil bergauf.
 
Doch obwohl derzeit insbesondere Gas und Öl im Vordergrund stehen, ist die deutsche Wirtschaft auch bei anderen Rohstoffen wie Nickel oder Palladium von russischer Produktion abhängig. Die Grafik verdeutlicht dies. So illustrieren die blauen Balken die gewaltigen russischen Exporte in Milliarden US-Dollar. Die blauen Punkte, kombiniert mit der rechten Achse, zeigen den hohen Anteil Russlands an der europäischen Rohstoffversorgung.
 
Es liegt auf der Hand, dass Europa seine Energiepolitik ändern muss, um sich langfristig selbst versorgen zu können. Dies erfordert umfangreiche Investitionen in Erneuerbare Energien aber leider auch in fossile Brennstoffe. Öl- und Gaspreise werden weiterhin auf hohem Niveau bleiben oder sogar steigen. Verantwortlich hierfür sind auch die massiven Unterinvestitionen während der letzten 10 Jahre in den Rohstoffsektor sowie das negative Sentiment gegenüber fossilen Brennstoffen, das sich ändern muss. Ausserdem ist eine Absicherung gegen steigende Ölpreise die gezielte Investition in die sogenannten ‘sin stocks’, die von Investoren gescheuten ‘Sündenaktien’, Titel aus dem Öl- und Gasbereich, die derzeit auf einem rekordniedrigen Bewertungsniveau liegen.
 
Die Engpässe in anderen Rohstoffsegmenten sind ebenso extrem. Fast 30 Prozent des europäischen Nickelbedarfs kommt aus Russland. Doch für die Energiewende ist Nickel unabdingbar: schon 2021 hat Elon Musk das Problem fehlender Nickelproduktion bemängelt. Engpässe entstehen auch bei anderen Industriemetallen: ein Elektroauto benötigt dreimal so viel Kupfer wie ein Benzinauto. Ein Windkraftwerk benötigt vier bis neun Tonnen Kupfer je MW Windleistung. Angesichts der zu erwartenden Engpässe im Rohstoffsektor sollten Investoren diese lange ignorierte Assetklasse wieder ‘entdecken’. Der an der Börse Hamburg gelistete und in Kooperation mit Donner & Reuschel betriebene Earth Exploration Fund UI bietet Investoren hierzu eine gute Möglichkeit. So können sie an dem zu erwartenden Aufwärtstrend bei Öl- und Gasaktien teilnehmen und in attraktive Minenprojekte investieren.

Newsletter vom 09. März 2022

Dr. Joachim Berlenbach – Geologe und Gründer
Earth Resource Investment Group

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