Schlägt jetzt die Stunde der Old Economy?

Bringt das zweite Halbjahr einen Stimmungsumschwung an der Börse? Weg von den KI- und Chip-Überfliegern hin zu vernachlässigten Branchen wie Konsum und Gesundheit? Ein paar Anzeichen gab es zuletzt – und ich hätte ehrlich gesagt nichts dagegen, wenn die sogenannte „Old Economy“ endlich eine (verdiente) Aufholjagd starten würde.
Die meisten konservativ ausgerichteten Langfristanleger vermutlich auch nicht. Denn die überschwängliche Stimmung rund um das Thema künstliche Intelligenz hat in den letzten Monaten zwar vielen Titeln weiter Rückenwind beschert – man denke nur an Namen wie Samsung, ASML, Cisco oder Amphenol –, auf der anderen Seite wurden aber auch reihenweise Aktien aus traditionellen Wachstumsbranchen wie Konsum und Gesundheit links liegen gelassen oder sogar regelrecht abgestraft. Aktionäre von Nestlé, Starbucks, General Mills oder Novo Nordisk können ein Lied davon singen.
Der Frust bei ihnen sitzt entsprechend tief. Ringsum hört und liest man von phänomenalen Gewinnen mit KI-Aktien und im Vergleich dazu hinkt das eigene Depot trotz lehrbuchmäßiger Branchenmischung hinterher. Ich fühle mich da in letzter Zeit immer mehr an die Internet- und Neuer-Markt-Euphorie um das Jahr 2000 erinnert. Damals bekamen wir ständig zu hören: „Ihr mit euren langweiligen Old-Economy-Aktien! Warum soll ich mir Procter & Gamble oder Coca-Cola ins Depot legen? Mit Aktien wie AOL, Mobilcom und EM.TV wird das große Geld verdient!“ Dass diese Denke nicht gut ausging, wissen zumindest all jene, die damals schon dabei waren. Wohl dem, der seinerzeit den vermeintlich altmodischen und langweiligen Konsum- und Gesundheitsaktien treu geblieben ist!
Ich bin überzeugt davon, dass sich eine ausgeglichene Branchenmischung auch dieses Mal auszahlen wird. Wann der Stimmungswandel an der Börse einsetzt, kann niemand exakt vorhersagen. Manches deutet im KI-Sektor auf Übertreibungen hin, manches nicht. Aber je mehr Anleger auf eine einzelne Technologie wetten, desto größer wird die Absturzgefahr – auch weil inzwischen sogar wieder massiv auf Kredit spekuliert wird.
Am Ende geht es so lange gut, bis es eben nicht mehr gut geht. Und dann ist man heilfroh, wenn man nicht nur auf eine Branche gesetzt hat!

Newsletter vom 22. Juli 2026
Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
Stuttgarter Aktienbrief „Börse Aktuell“
Zum Newsletter anmelden
Die Industrie rückt wieder in den Fokus
Die internationale Arbeitsteilung steht auf dem Prüfstand. In Europa und in den USA bemühen sich Staaten und Unternehmen darum, Lieferketten zu verkürzen und Risiken durch Abhängigkeiten von Asien zu minimieren. Davon könnte Europas „Old Economy“ profitieren, meint Union Investment, der Fondspartner der Hannoverschen Volksbank eG.
Die Lieferengpässe während der Pandemie, die Frage der Energiesicherheit nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine und die durch diese Entwicklungen beschleunigte Blockbildung in der Welt haben bestimmte Abhängigkeiten als Risiken entlarvt. Oft mit üppigen staatlichen Subventionen unterstützt, investieren auffällig viele Unternehmen nun wieder stärker in Europa oder in den USA – und nicht mehr in China.
Die Verwerfungen während der Corona-Pandemie und des Krieges in der Ukraine haben gezeigt, dass die Globalisierung zu erheblichen Abhängigkeiten geführt hat, die im Krisenfall existenzbedrohend werden können. Eine Verkürzung der Lieferketten wird deshalb zur Frage der nationalen Sicherheit, wirtschaftliche Interessen treten in den Hintergrund. Gerade deshalb sind auch die Staaten gefordert, entsprechende Anreize zu setzen, damit Unternehmen das oftmals teure „Reshoring“ in Angriff nehmen. Fiskalprogramme machen genau dies und bezwecken eine Beschleunigung der nachhaltigen Transformation sowie der Digitalisierung und Automatisierung der Wirtschaft.
Von dieser Entwicklung könnten bestimmte Branchen profitieren. Im Vordergrund steht die Industrie – und damit auch Europas „Old Economy“. Hersteller von technischen Produkten, elektronischen Instrumenten, Baumaschinen und Automatisierungstechnologien stehen im Fokus. Daneben könnten Baustoff- sowie Stahlhersteller gefragt sein, ebenso im IT-Bereich vor allem Zulieferer von Halbleiterunternehmen sowie Anbieter von Softwarelösungen für die Automatisierung und Infrastruktur. Die neue Industriepolitik wird die Unternehmenslandschaft verändern – und anpassungsfähige Konzerne mit gefragten Geschäftsmodellen könnten zu den Gewinnern zählen, auch an der Börse.
Wer mit seiner Geldanlage an den Möglichkeiten der „Old Economy“ Europas teilhaben möchte, könnte Investmentfonds mit einer entsprechenden Anlagestrategie in Betracht ziehen. Dabei ist zu beachten, dass neben den Chancen generelle Risiken, wie etwa das Risiko marktbedingter Kursschwankungen oder ein Ertragsrisiko, bestehen können. Eine persönliche Beratung bei der Hannoverschen Volksbank gibt Orientierung.

Newsletter vom 20. September 2023
Thomas Scholz – Filialdirektor und Leiter WP-Beratung
Hannoversche Volksbank eG
Zum Newsletter anmelden
