Die Auferstehung der Fossilien

Monatlicher Kapitalmarkt-Standpunkt von Kai Jordan, Vorstand der mwb Wertpapierhandelsbank AG
Nun ist es rum, das Osterfest mit den Feierlichkeiten zur Auferstehung. Gleichzeitig entwickelt sich die Situation rund um den Angriffskrieg der russischen Föderation zu einer innereuropäischen und vor allem in Deutschland heftigen Diskussion rund um die Lieferung schwerer Waffen oder die Ausweitung der Boykottmaßnahmen bei den Energieträgern. Wir haben in unserem Sonderstandpunkt „er muss ihn haben“ dazu bereits Position bezogen und die kontroverse Diskussion mit stichhaltigen Argumenten auf beiden Seiten weiter verfolgt.
Wenngleich wir der Meinung sind, dass an der Entwicklung der Situation um die Ukraine auch Zauberlehrlinge aus dem Westen mitgemischt haben, so ist die jetzige Eskalation auf dem Schlachtfeld ein furchtbarer Rückfall in längst vergessene Zeiten und mancher der hofft, dass sich diese Situation – nach einem hoffentlich raschen Ende des Konflikts wieder normalisieren sollte – wird sich noch die Augen reiben. Das wird nicht der Fall sein. Dieser Rückfall bringt die Wiederauferstehung einiger ebenfalls längst totgesagter Fossilien. So schlagzeilte die Welt Anfang April zu Putin „Als Kriegsherr ein Stalin, ökonomisch Ceausescu“.
Die Situation rund um die europäische und globale Sicherheit und Versorgungslage führt zu einer massiven Diskussion über Dinge, die aus unserer Sicht bereits versteinert waren oder auf dem Weg dahin. Der lange nicht für möglich gehaltene Rückfall Europas in einen Kriegszustand sorgt jetzt auch auf EU -Ebene für eine Rolle rückwärts bei der Beurteilung dessen, was als ESG-konform angesehen wird. So verdichten sich derzeit die Zeichen, dass in Brüssel nach Wegen gesucht wird, Waffenhersteller aus dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit wieder als investierbar einzuordnen. Öl und Gas stehen auf dem Prüfstand.
Putin war bereits vor dem Beginn des Krieges der aus seiner ökonomischen Perspektive nachvollziehbaren Auffassung, dass der Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen nicht bis 2035 oder 2050, sondern nur bis 2070 möglich sei. Auch die Europäer erkennen nun faktisch, wie stark sie in ihrer Gesamtheit von diesen Lieferungen abhängig sind. Egal ob Fracking oder Katar – es gibt keine Idee, die ökologisch und gleichzeitig den Energiehunger der Industrie gleichzeitig befriedigen kann. Viele Staaten insbesondere aus Osteuropa halten nun Ausschau nach fossilem Ersatz, der oft sogar noch klimaschädlicher ist als russisches Öl und Gas. Kohle und Flüssiggas sind 2021 zu Recht geächtet worden. Nun wird über eine Kohleverstromung in Deutschland diskutiert.
In Teilen Europas schielen Regierungen wieder auf Gas- und Ölfelder, deren Erschließung dem Klima zuliebe bis vor Kurzem noch tabu war. Auch in den USA werden Bidens Bemühungen zum Klimaschutz immer mehr ausgebremst.
Die Agrarlobby versucht mit Hinblick auf die Lebensmittelversorgung die Uhr zurückzudrehen. Die EU-Kommission hat ein Aktionsprogramm vorgestellt, in dem auf Flächen, die eigentlich aus Naturschutzgründen brach gelassen werden sollen, kurzfristig wieder angebaut werden darf. Klimafreundlichkeit oder Nachhaltigkeit sind vorübergehend zweitrangig – dabei ist die Landwirtschaft für bis zu einem Drittel der globalen klimaschädlichen Emissionen verantwortlich. „Die Gefahr sei groß, dass aus der kurzfristigen, kriegsbedingten Suche nach fossilen Ersatzquellen wieder eine langfristige Abhängigkeit entstehe, warnte Uno-Generalsekretär Guterres vor kurzem. »Das ist Wahnsinn.«
Doch wegen der Inflation schauen die Verbraucher mehr aufs Geld – und weniger auf Klimaschutz und Tierwohl. Dabei muss langfristig klar sein: »Wenn wir fossile Energien von Autokraten importieren, bringen wir unsere Sicherheit in Gefahr und heizen die Klimakrise weiter an.«
Und diese Klimakrise pausiert nicht, nur weil die Menschen einmal mehr Krieg führen. In der Arktis auf der Nordhalbkugel geht das Eis durch die Erderwärmung drastisch zurück. Nun beobachten Forscher dies auch für den Südpol. Die Erderwärmung hat auf allen Kontinenten größeren Schaden angerichtet als bislang angenommen“, warnte der Weltklimarat in einem neuen Bericht zu den Folgen der Klimakrise. Polar-, Berg- und Küstenregionen überall stünden vor dem Kollaps, mit kaum noch beherrschbaren Auswirkungen auf den Menschen. »Fast die Hälfte der Menschheit lebt – jetzt – in der Gefahrenzone«, sagte Uno-Generalsekretär António Guterres. »Viele Ökosysteme sind – jetzt – an einem Punkt angekommen, von dem es kein Zurück mehr gibt.« Dann fügte er hinzu: »Aufschub bedeutet Tod.«
Dabei zeigt sich mit jedem Tag deutlicher, dass sich Putins Krieg unmittelbar und potenziell verheerend auf die von Guterres beschriebene Lage auswirkt. Die in Deutschland bereits versteinerte Diskussion zur Atomenergie wird neu aufgemacht und in Ländern wie Frankreich beispielsweise auch beantwortet. Und Tesla Boss Elon Musk sagte jüngst in einem Interview: „Absoluter Wahnsinn von Deutschland, jetzt die Kernkraftwerke abzuschalten“ Eine ausweglose Situation? Mitnichten, wenn es den Regierungen gelingt, hier gegen alle Widerstände insbesondere aus dem Bereich rechtspopulistischer Parteien einen klaren Kurs beizbehalten.
Es sei „eine riesige Chance«, die Energieversorgung Europas noch schneller noch grüner zu gestalten“, sagte Frans Timmermans, der Green-Deal-Beauftragte der EU-Kommission. Ob dabei das Thema Atomenergie eine sinnvolle Lösung darstellen kann, können wir hier in der Kürze nicht beurteilen. Wir hören aber auch hier von Entwicklungen und Effizienzsteigerungen auch bei der Frage der Endlagerung.
Allerdings müssen die EU und die Regierungen die nunmehr ggfs. veränderten Rahmenbedingungen zügig abstecken, damit Sicherheit für die gigantischen Investitionsherausforderungen der Dekarbonisierung und den Umbau der Wirtschaft gegeben ist. Dann werden auch die Kapitalmärkte weiterhin substanziellen Beitrag leisten können zur Finanzierung dieser Herkulesaufgabe. Auch – und gerade im wichtigen KMU-Segment, dem Rückgrat der deutschen Wirtschaft.
Wir gehen davon aus, dass die westlichen Regierungen zumindest mittelfristig die richtigen Entscheidungen treffen werden. Die Märkte spiegeln dies trotz des Zinsanstieges auch wider. Damit stehen sie Emittenten mit zukunftsorientierten Geschäftsmodellen auch weiterhin offen – trotz der halben „Rolle rückwärts“ die wir vorstehend beschreiben.
Gelingt dies allerdings nicht, dann profitieren nur die Deichbauer. So ging der Aktienkurs des holländischen (das Land liegt teilweise 6 Meter unter dem Meeresspiegel) Spezialisten Boskalis Westminster vor kurzem wegen eines Kaufangebotes des Großaktionärs durch die Decke. Boskalis ist ein international operierendes Unternehmen und ist – nach eigenen Angaben – Weltmarktführer im Bereich von Baggerarbeiten, Landgewinnung, Küstenschutz und damit verbundenen Services. Als Kernkompetenzen sieht das Unternehmen vor allem die Konstruktion und den Betrieb von Häfen und Wasserwegen, die Landgewinnung, Küstenbefestigung sowie den Flussuferschutz. Und das Unternehmen erhielt einen weiteren Auftrag zur Küstenbefestigung der Küsten in Togo und Benin. Eine Empfehlung zu dieser Aktie geben wir ausdrücklich nicht ab. Aber wie wusste schon der Schimmelreiter: „wer nicht will deichen der muss weichen“. Und endet am Ende womöglich auch als Fossil.
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Die mwb fairtrade Wertpapierhandelsbank AG oder ihre verbundenen Unternehmen können von Zeit zu Zeit Bestände an den in diesem Dokument genannten Wertpapieren oder an darauf basierenden derivaten Finanzinstrumenten halten, können andere Dienstleistungen (einschließlich solcher als Berater) für jedes in diesem Dokument genannte Unternehmen erbringen oder erbracht haben, und können – soweit gesetzlich zulässig – die hierin enthaltenen Informationen oder die Recherchen, auf denen sie beruhen, vor ihrer Veröffentlichung verwendet haben.
Ein wie auch immer geartetes Beratungsverhältnis zwischen der mwb fairtrade Wertpapierhandelsbank AG und dem Empfänger dieses Dokumentes wird durch die Übersendung oder Weitergabe dieses Dokuments nicht begründet. Jeder Empfänger muss eigene Anstrengungen unternehmen und Vorkehrungen zu treffen, um die Wirtschaftlichkeit und Sinnhaftigkeit einer Anlageentscheidung unter Berücksichtigung seiner persönlichen und wirtschaftlichen Belange zu prüfen. Die mwb fairtrade Wertpapierhandelsbank AG haftet weder für Konsequenzen aus dem Vertrauen auf in diesem Dokument enthaltenen Meinungen oder Aussagen noch für Unvollständigkeiten in diesem Dokument. Jede US-Person, die dieses Dokument erhält und Transaktionen mit hierin genannten Wertpapieren tätigen möchte, ist verpflichtet, dies durch einen in den USA zugelassenen Dienstleister zu tun.

mwb Kapitalmarkt-Standpunkt
vom 21. April 2022
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Kai Jordan – Vorstand der mwb Wertpapierhandelsbank AG
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Kai Jordan
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Er muss ihn haben!

Deutschland diskutiert. Deutschland ist zwiegespalten. Kann sich die deutsche Volkswirtschaft neben den Auswirkungen von Corona auch noch weitergehende Sanktionen gegen Russland – besser gesagt, gegen einen faktischen Diktator Wladimir Putin – leisten? Riskieren wir damit unseren Wohlstand? Wird die Inflation in ungeahnte Höhen schnellen?
Wir denken, es ist nicht zu bestreiten: Gerade Deutschland hat seine grausamen Erfahrungen mit Autokraten und „gewählten“ Diktatoren gemacht. Die restliche Welt im zweiten Schritt dann ebenso. Hitler-Deutschland wurde zu spät Einhalt geboten. Diesen Fehler hat die Welt bisher bei Putin-Russland nicht gemacht. Zum Glück zeigen sich bis jetzt Europa und die USA weitgehend einig und haben weitreichende Sanktionen verhängt. Aber reichen die aus? Ein Fußball-Bild beschreibt die momentane Lage aus unserer Sicht. Der Torwart sieht den Stürmer auf sich zukommen und entscheidet sich richtigerweise von der Linie nach draußen zu eilen, um ein Tor zu verhindern. Was er auf gar keinen Fall machen darf, ist seine richtige Entscheidung zu konterkarieren, indem er stoppt und sich selbst aller Vorteile beraubt.
Wir dürfen nicht den Fehler machen, auf halben Weg stehen zu bleiben, weil wir als Europäer Angst haben. Der Rubel hat 40 Prozent seines Wertes gegenüber dem „Prä“ des Aggressionskriegs verloren. Es gibt faktisch keinen russischen Aktienmarkt mehr. Russische Staatsanleihen sind auf Ramschniveau. Die Inflation, die auch gerade die entscheidenden „B-Personen“ trifft, das heißt den russischen Staatsapparat, liegt bei mehr als 20 Prozent.
Deutschland als führender europäischer Staat hat über mehr als ein Jahrzehnt verteidigungspolitisch versagt. Deutschland darf in einem geeinigten Europa nicht nur die führende Wirtschaftsnation sein, sondern muss erkennen, dass das Land für Europa militärische Verantwortung übernehmen muss. Drei CDU/CSU Verteidigungsminister haben uns in diese Bredouille gebracht. Fairerweise muss man festhalten, dass die Etats und die angebliche Reform der Bundeswehr auch mit Unterstützung eines Finanzministers, der heute Bundeskanzler ist, und eines Außenministers, der heute Bundespräsident ist, von der SPD gemacht worden sind. Zusätzlich hat am Anfang dieses Jahrtausends eine SPD-Regierung das stattliche Unternehmen IVG privatisiert, die später im Rahmen der Saal Oppenheim-Insolvenz in Schwierigkeiten geriet. Die IVG war der Eigentümer, der norddeutschen Kavernen, in denen das Gas gelagert wird und war finanziell gezwungen, diese Kavernen an russische Unternehmen zu verkaufen. Es entsteht momentan der Eindruck, dass die wirkliche Richtlinienkompetenz beim grünen Wirtschafts- und Außenministerium ist.
Wir möchten noch einmal auf unser Bild mit dem Torwart zurückkommen. Wir diskutieren darüber, ob wir den Winkel für den Stürmer weiter verkürzen und ihn so am Torschuss hindern. Kann sich Europa – insbesondere Deutschland – leisten, auf russisches Öl und Gas zu verzichten? Wird dies Wladimir Putin kurzfristig beeindrucken? Es gibt zwei Zahlen, die wir explizit hervorheben möchten. Sage und schreibe 40 Prozent des Staatshaushaltes Russlands wurden durch Steuereinnahmen auf Gas- und Öl-Exporten im Jahr 2021 erzielt. Jeden Tag vereinnahmt Russland, faktisch Wladimir Putin, durch den Verkauf von Öl und Gas an die Europäer, an Deutschland, 500 Mio. Euro, die er benötigt, um sein Militär und seine Geheimdienste oder den Polizeiapparat zu bezahlen.
Kann es Deutschland sich leisten, auf die russischen Öl- und Gaslieferungen zu verzichten, um nachweislich Putin zu schwächen, zu destabilisieren, vielleicht sogar abzuschaffen? Dazu gibt es verschiedene Studien, die sagen, dass Europa einen schmerzhaften, aber machbaren Einschnitt erlebt, wenn das System Putin zerstört werden soll. Studien von verschiedenen europäischen Denkfabriken gehen davon aus, dass in Europa durch den direkten Verzicht auf russische fossile Energien ein Einkommensverlust von durchschnittlich einem Prozent zu erwarten sei. Die Wirtschaftsleistung Europas würde um zwei Prozent sinken. Es wird prognostiziert, dass Europa ohne russisches Gas den nächsten Winter überstehen wird. Zusätzlich sollten wir alle daran denken, dass wir heute einen Aggressor und einen Diktator in Europa zu bekämpfen haben und heute Maßnahmen ergreifen sollten.
Wir sind überzeugt, dass ein Importstopp von Energieträgern die beste Möglichkeit ist, Putins Angriffskrieg zu stoppen oder zu erschweren und der Russischen Föderation damit die finanzielle Basis zu entziehen. Die Welt steht im Frühjahr des Jahres 2022 und die Macht, die Wladimir Putin über Europa durch den Export von wichtigen Rohstoffen sodann hat, ist denkbar gering. Wir haben in den letzten Tagen gesehen, dass auch die Verwerfungen am Kapitalmarkt nur kurzfristig waren. Anleger und Investoren schätzen die Lage richtig ein und sind wieder auf einem soliden Fundament zurück. Jetzt muss nur noch der Torwart den Einschusswinkel entscheidend verkürzen und wir sollten Wladimir Putin tägliche 500 Mio. Euro entziehen. Denn wenn der Torwart rauskommt gibt es nur noch eine Regel: „Er muss ihn haben“!
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mwb Kapitalmarkt-Standpunkt
vom 24. März 2022
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Die neue finanzpolitische Weltordnung

Vor einem Jahr schrieb die FAZ „Die Welt zerfällt in Blöcke. (…) Ein Stratege sieht die Herausbildung zweier Blöcke – und Europa zwischen den Fronten.“ Die beiden finanz-politischen Blöcke – so fasst es Autor Martin Hock zusammen – sind China mit dem Appendix Afrika und Amerika im Lead auch für Lateinamerika. Europa wird eher abgeschlagen in seiner Stellung reduziert. Interessant: Russland spielt keine Rolle mehr. Russland, das sich ja selber als direkter Nachfolger der früheren Weltmacht Sowjetunion versteht. Wenn die Thesen des FAZ-Artikels stimmen, dann stellt sich die Frage, was bezweckt der kriegerische Aggressor Wladimir Putin? Vom Ende gedacht: Putin hat ein Ziel. Was ist sein Ziel?
In dem Zusammenhang ist es auch wichtig, die Psychologie des einzelnen Menschen in Russland zu bedenken. Es ist sicherlich nicht vergleichbar, aber rational haben wir uns nicht vorstellen können, dass die Mehrheit der britischen Bürger einem Brexit zustimmen oder Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten wählen. Vielleicht ist es das Ziel irgendwann nicht am „Katzentisch“ Platz nehmen zu müssen, während die drei großen Wirtschaftsblöcke miteinander konferieren.
Was sehen wir durch Krieg für Auswirkungen auf die Kapitalmärkte, auf die Zinspolitik der EZB aber auch auf die der FED? Besonders wollen wir einen Fokus auf kapitalmarktorientierte kleine und mittlere Unternehmen (KMU) richten.
Wir haben in den letzten Standpunkten immer mal wieder Stellung zur Zinspolitik der EZB und den zu recht gestiegenen Inflationsängsten bezogen. In Deutschland und in Italien ist es zu erwarten, dass die Energiepreise, da fast alles mit Gas betrieben wird, durch den Krieg in den Himmel steigen. Der Ausbau der „Freiheitsenergie“, damit meint Christian Lindner neuerdings Ökostrom, dauert und kostet viel Geld. Das wird die Inflation massiv weiter anheizen. Frankreich oder die Niederlande setzen auf Atomstrom. Öl kann anders bezogen werden – entweder aus den USA oder aus dem Nahen Osten. Mittlerweile ist das Barrel Öl der Referenzmarke Brent auf deutlich mehr als 100 Dollar angestiegen. Die Bundesregierung wird die Bürger mit höheren Unterstützungen an der Stange halten. Die EZB kann die Zinsen nicht erhöhen – etwas was wir seit Monaten geschrieben haben, weil sie politisch nicht kann. Der von Russland initiierte Krieg könnte das zarte Pflänzchen Konjunktur, das noch immer nach oder vielleicht sogar während der Corona-Krise viel Pflege, Dünger und Wasser braucht, sonst sehr schnell für lange Zeit verdorren. Es mag sein, dass die EZB und gewisse Voraussetzungen in diesem Jahr die Zinsen um 0,25 Prozent erhöhen wird. Das ist aber dann einfache Symbolpolitik und wirtschaftlich zu vernachlässigen.
Die FED hat mehrere Zinsschritte angekündigt, aber letzten Monat auch schon etwas relativiert. Auch hier ist es wahrscheinlich, dass es durch diesen Krieg zu einer kompletten Neubewertung kommen wird. Es bleibt abzuwarten, wann und wie es zu einer Kommunikation mit den Kapitalmärkten kommt.
Auf den ersten Blick gibt es bei den KMUs nur direkte Verlierer. Die sind schnell benannt. Es sind Unternehmen, die in russischer Abhängigkeit stehen. Bei den Mit-telstandsanleihen sind das offensichtlich Ekosem, Ekotechnika und der Fußballverein Schalke 04, weil dort bis gestern der Hauptsponsor Gazprom geheißen hat. Der Kurs der Anleihen von Ekosem hat sich seit Beginn der massiven Kriegsrhetorik von Putin in den letzten Tagen mehr als halbiert. Die Anleger haben kein Vertrauen. Schalke 04 hat in seinen beiden Anleihen heute ein deutliches Plus verzeichnen können, weil der Verein durch seine klare Distanzierung zu Gazprom Investor Relations betrieben hat. Es bleibt aber abzuwarten, ob dies nicht ein Strohfeuer ist, denn irgendwoher muss der hochverschuldete Verein schließlich das Geld für die Aufrechterhaltung des Spielbetriebs generieren. Zuschauereinnahmen sind es momentan nicht. Ekotechnika hat Ende Januar noch sehr gute Geschäftszahlen für 2021 verkündet, was zu einem hohen Kursplus führte. In den letzten Tagen ist der Aktienkurs auf unter den Ausgabepreis abgestürzt.
Das ist das am Kapitalmarkt Offensichtliche. Was aber ist mit dem Mittelständler und dementsprechend seiner Kapitalmarktpositionierung, der zum Beispiel im Textilbereich in der Ukraine produziert? Oder Unternehmen, die Waren nach Russland geliefert haben und durch die Aussetzung von SWIFT nicht mehr bezahlt werden können? Dies ist alles noch nicht an den Kapitalmärkten angekommen. Momentan wird erst einmal über die Politik und die großen Unternehmen gesprochen. Wir sind uns sicher, die Auswirkungen auf die kapitalmarktorientierten Unternehmen werden auch vorhanden sein. Hier gilt es, aktiv auf die Investoren zuzugehen und offen zu kommunizieren.
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mwb Kapitalmarkt-Standpunkt
Börsen Aktuell vom 2. März 2022
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Eine Zukunft: Tokenisierte Finanzmärkte

Vor ein paar Tagen erwähnte ein erfahrener aber eben auch bereits älterer Börsianer im Rahmen einer Telefonkonferenz “wir müssten mal über Tokenisierung reden, aber bitte nicht über Zoom oder MS-Teams”. Denn die älteren Jahrgänge haben hier gelegentlich noch Handling-Probleme. Die Schmunzler hatte er natürlich auf seiner Seite, aber inhaltlich hat er natürlich recht. Das Thema ist zwar neu und ungewohnt, aber es kommt immer mehr in den Fokus der Marktteilnehmer. Was genau verbirgt sich nun dahinter.
Unter dem Wort „Tokenisierung“ im Kontext von Finanzmärkten und insbesondere Wertpapieren, wird eine digitale Abbildung von Eigentumsrechten an Vermögenswerten bezeichnet, wobei die Blockchain als dezentrale Datenbank zur Dokumentation und Ausführung von Transaktionen genutzt wird.
Im Gegensatz zu den äußerst spekulativen Kryptowährungen, NFTs oder Utility-Tokens, die genauso zu den digitalen Assets zählen, sind tokenisierte Wertpapiere vollreguliert und gewinnen bei institutionellen Investoren immer weiter an Relevanz. Bereits 2019 war bei Forbes zu lesen, dass von den 100 größten Banken der Welt 39 an der Tokenisierung von Wertpapieren oder anderweitige Blockchain-Anwendungen arbeiteten. Von den zehn größten waren es sogar sieben.
Seit 2019 hat sich die Dynamik um die Tokenisierung nochmals deutlich gesteigert und Branchen-Experten wie Prof. Dr. Philipp Sandner, Leiter des Frankfurt School Blockchain Centers, sind sich einer erfolgreichen Zukunft der Tokenisierung sicher – “Schließlich wird in einigen Jahren jede Aktie, jeder Genussschein und generell jedes Wertpapier auf einem Blockchain-System laufen und damit zu einem Security Token werden“.
Die Gründe für diese rasanten Entwicklungen sind die eindeutigen Vorteile der Tokenisierung, wie z.B. deutlich geringere Kosten für die Primärmarktemission und Kosteneinsparung während der Laufzeit des Wertpapieres, durch geringe oder völlig obsolete Verwahrungskosten.
Besonders interessant wird diese neuartige Finanzierungsmöglichkeit für den typischen Mittelständer. Ein kleiner Blick auf die Zahlen verrät viel über die Attraktivität der heutigen Finanzinfrastruktur und der traditionellen Möglichkeit, fungible Wertpapiere zu emittieren. So waren im Jahr 2020 nur knapp 438 Unternehmen in Deutschland an der Börse gelistet. Damit ist im Vergleich zum Vorjahr ein Rückgang von 32 börsennotierten Unternehmen zu verzeichnen – also ein prozentualer Rückgang von rund sieben Prozent innerhalb eines Jahres. Das Jahr 2020 ist dabei keinesfalls eine Ausnahme. Seit 2007 ist ein rückläufiger Trend an der Börse in Deutschland zu beobachten. Vor 15 Jahren lag die Zahl der börsennotierten Unternehmen in Deutschland noch bei 761.
Im Jahr 2019 gab es in Deutschland rund 3,29 Millionen steuerpflichtige Unternehmen mit jährlichen Lieferungen und Leistungen über 17.500 Euro. Fungible Investments sind damit also nur in 0,013 Prozent der deutschen Unternehmen möglich. Dies ist das Resultat eines ineffizienten Kapitalmarktes mit immensen Eintrittsbarrieren.
An dieser Stelle könnte zukünftig die Tokenisierung von Wertpapieren ihr volles Potential entfalten. Die Emission von tokenisierten Wertpapieren ist nicht nur börsennotierten Unternehmen vorbehalten, sondern für jegliche Unternehmen möglich. Das ist insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen vorteilhaft, die mehr als 99 Prozent der deutschen Firmenlandschaft ausmachen.
Bei der Umsetzung der Tokenisierung stehen verschiedene Finanzvehikel zur Auswahl wie z. B. festverzinsliche Wertpapiere oder auch Eigenkapitalinstrumente wie Namensaktien und Genussrechte.
Beispiele für die erfolgreich umgesetzte tokenisierte Finanzierungen gibt es in Deutschland bereits einige. Mit der tokenbasierten Anleihe (ISIN DE000A2YN3P0) warb die Restaurantkette FR L’Osteria SE bereits 2019 2,3 Millionen Euro bei mehr als 1.300 Anlegern ein, um ihr Filialnetz um drei weitere Restaurants zu ergänzen. Die Anleihe ist mit einem jährlichen Zinskupon von 6,25 Prozent ausgestattet, der vierteljährlich ausgezahlt wird und ist ein Praxisbeispiel einer erfolgreichen tokenisierten Wachstumsfinanzierung des deutschen Mittelstandes. Ein gutes Beispiel dafür, wie Kunden zu Investoren werden können.
Das wohl bekannteste Beispiel für eine erfolgreiche tokenisierte Finanzierung ist die Tomorrow Bank. Gleich zweimal hat die Neobank sich innerhalb weniger Stunden mehrere Millionen an frischem Kapital über ein tokenisiertes Genussrecht gesichert. 2020 kamen innerhalb von nur 300 Minuten drei Millionen Euro zusammen. Das Durchschnittsinvestment lag damalig bei 1.500 Euro. Im Oktober des letzten Jahres legten sie dann nach und sammelten innerhalb von 24 Stunden acht Millionen Euro von mehr als 6.000 Investoren ein. Interessant auch die Struktur des Genussrechtes. So wurden durch die Tokens Anteile am Stammkapital der Emittentin wirtschaftlich nachgebildet, um virtuelle Gewinn- und Exitbeteiligungen an der GmbH zu erschaffen. Sprich, Anlegern wurde es ermöglicht, sich unmittelbar über ein fungibles Vehikel am Gewinn- und Wertsteigerungspotential zu beteiligen, und das alles ohne die Aufwände und Kosten einer Umfirmierung zu einer Aktiengesellschaft und einen Börsengang.
Es ist heute wichtig, sich auf morgen vorzubereiten. Wir denken, dass Tokenisierung und Blockchain ein Zukunftsprojekt sind, was heute schon für den Mittelstand hervorzuheben ist. Wenn kleine und mittlere Unternehmen ihre ersten guten Erfahrungen mit dem neuen System gemacht haben, werden weitere auf den Zug aufspringen.
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Börsen Aktuell vom 23. Februar 2022
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