Gewinnerwartungen und Aktienkurse sinkend
Die Aktienmärkte haben jüngst nachhaltiger konsolidiert. Der Fall Evergrande sei unter anderem dafür verantwortlich, so die Berichte vieler Medien. Doch viel plausibler als Grund ist der gleichzeitige Rückgang der Gewinnerwartungen und der Aktienindizes.
Die Notenbanken weisen immer stärker darauf hin, dass die Zeit der ultra-expansiven Geldpolitik bald zu Ende gehen wird. Getrieben werden die Währungshüter dabei von der Einsicht, dass der Inflationsanstieg nicht so schnell vorübergeht, wie gedacht. Zugleich wird immer deutlicher, dass das Tempo der Konjunkturerholung nachlässt. Beides kann mit Materialknappheit und Lieferkettenproblemen begründen werden, die ebenfalls länger anhalten als erwartet. Und dies drückt auf die Aktienmärkte.
Das gilt insbesondere für Wachstumswerte. Denn die anhaltend hohe Inflation und die damit verbundene Aussicht auf ein schnelleres Tapering haben die Renditen am Anleihemarkt seit der jüngsten Pressekonferenz der US-Notenbank kräftig steigen lassen. Und steigende Renditen sind insbesondere eine Konkurrenz für Growth-Aktien. Ob sich daraus nur eine saisonale Schwäche oder eine Herbstkorrektur entwickelt, bleibt abzuwarten.
Die gesamte Gemengelage führt jedenfalls inzwischen auch zu sinkenden (!) Gewinnerwartungen (siehe dunkle Linie in der Grafik). Seit dem 9. September geht es hier abwärts, bislang auf das Niveau von Ende Juli.
Fast zeitgleich ging es mit dem S&P 500 abwärts (helle Linie), ebenfalls auf das Niveau von Ende Juli. Es zeigt sich also ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Gewinnerwartungen und Kursentwicklung.
Den meisten Medien war dagegen zu entnehmen, dass vor allem die Sorge um das chinesische Immobilienunternehmen Evergrande für die jüngsten Kursverluste verantwortlich sei. Doch diese Argumentation ist zweifelhaft, weil die finanziellen Probleme schon früher bekannt wurden.
Stattdessen sollte man die Preise für Vorleistungsgüter im Auge behalten, da diese auf die Margen drücken, wenn Preissteigerungen nicht 1:1 an Kunden weitergereicht werden können. Sinken daher die Gewinnerwartungen weiter, dürfte dies auch für die Aktienindizes gelten.
In meiner vorangegangenen „Börsen Aktuell“-Analyse vom 18. August hatte ich auf den saisonal schwachen September hingewiesen und Gewinnmitnahmen propagiert. Setzt sich die Korrektur nun fort, sehe ich gute Chancen, die verkauften Positionen günstiger zurückzukaufen.
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Newsletter vom 06. Oktober 2021
Sven Weisenhaus – Chefredakteur
Stockstreet.de

Wollten Anleger nur die 16.000er Marke noch sehen?
Riesen-Thema für die Medien: Der DAX konnte die Marke von 16.000 Punkten erreichen. Dabei sind solche runden Marken eher nur aus psychologischer Sicht wichtig. Es besteht allerdings die Möglichkeit, dass die 16.000 Punkte den DAX eine Weile beschäftigen werden. Denn nicht selten pendeln die Kurse eine Weile um solche psychologisch wichtigen Marken, bevor sie diese nachhaltig überwinden können. So wurde die 15.000er Marke nach deren Eroberung im Mai noch drei Mal von oben getestet und auch unterschritten, bevor sich der DAX erst nach rund zwei Monaten nachhaltiger von ihr lösen konnte. Und die 14.000er Marke bremste von Anfang Januar bis Anfang März ebenfalls etwa zwei Monate lang.
Fundamental läuft es nicht mehr rund
Auch fundamental bestehen Zweifel, dass der DAX nach den bereits erzielten Kursgewinnen kurzfristig noch hohes Kurspotential hat. Denn was der jüngste Ausbruch nicht verrät, ist, dass es fundamental längst nicht mehr so rund läuft, wie es das neue Rekordhoch suggeriert.
So übertreffen die Inflationsdaten seit geraumer Zeit die Erwartungen, während die negativen Konjunkturüberraschungen in den USA im Juli das erste Mal seit dem Frühjahr 2020 wieder überwogen haben. Jüngstes Beispiel dafür ist das Verbrauchervertrauen der Uni-Michigan. Erwartet wurde ein zum Vormonat unveränderter Stand, doch tatsächlich brach der Stimmungsindikator ein und fiel auf den niedrigsten Stand seit Dezember 2011.
Dabei schätzten die Verbraucher sowohl die aktuelle Lage als auch die Zukunftsaussichten negativer ein. Als Grund dafür gilt, dass die Konsumenten für die kommenden 12 Monate eine Inflation von 4,6 Prozent sehen. Es könnte daher gut sein, dass die US-Notenbank den Konjunkturabschwung gefährdet, weil sie mit ihren Anleihekäufen die Inflation anheizt und die Verbraucher nicht bereit sind, höhere Preise zu zahlen.
August und September sind schwache Börsenmonate
Kein Wunder, dass sich jüngst an den Anleihemärkten ein abnehmender Konjunkturoptimismus gezeigt hat. Schließlich macht der Konsum in der US-Wirtschaft rund 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Und wenn der Konsum schwächelt, kann dies die Konjunkturerholung belasten. Früher oder später sollten sich diese Sorgen auch am Aktienmarkt durchsetzen. Zumal mit dem August der zweitschwächste Börsenmonat eines Jahres läuft. Und mit dem September folgt der schwächste. Ich denke, jetzt ist ein guter Zeitpunkt für Gewinnmitnahmen!

Newsletter vom 18. August 2021
Sven Weisenhaus – Chefredakteur
Stockstreet.de
