Zollchaos in den USA – Europa als relativer Profiteur?

Das Zoll-Chaos in den USA geht weiter. Vor diesem Hintergrund haben wir unsere Prognosen revidiert: für die USA nach unten, für Europa nach oben.
Für die USA wirken die Zölle und vor allem die hohe Unsicherheit hinsichtlich der Handelspolitik wie ein (negativer) Angebotsschock. Vor diesem Hintergrund haben wir unsere Inflationsprognosen für die USA kräftig nach oben revidiert und die Wachstumsprognosen gesenkt, weil die Zölle die Kaufkraft der Konsumenten schmälern und das Hin und Her die Unternehmer Investitionsentscheidungen verschieben lässt.
Die Zölle treffen nicht nur die USA, sondern fast alle anderen Länder auch; nur dass dort die Zölle wie ein Nachfrageschock wirken. Wachstum und Inflation gehen dann zurück. Daher haben wir für China die Prognosen ebenfalls gesenkt, allerdings nur geringfügig, weil hier der Staat Gegenmaßnahmen ergreift, die die Wirtschaft wieder stützen sollten. Für Europa hingegen haben wir unsere Prognosen sogar etwas nach oben genommen. Das überrascht auf den ersten Blick, liegt aber daran, dass der Handel mit den USA beileibe nicht die einzige wirtschaftliche Treibkraft ist. So unterstützt die überfällige Erholung im Verarbeitenden Gewerbe das Wachstum. Selbst die Produktion im Baugewerbe, das von Lieferkettenproblemen, Inflation und Zinsanstieg besonders betroffen war, erholt sich.
Dabei muss man bedenken, dass die Bauindustrie nicht nur den privaten Wohnungsbau umfasst, sondern auch den gewerblichen Bau und den eher staatlich geprägten Tiefbau. Dieser sollte insbesondere in Deutschland von dem Investitionsprogramm der Bundesregierung profitieren. Und schließlich gibt es auch im Wohnungsbau einiges an Nachholbedarf.
Alles in allem sind wir recht zuversichtlich, dass es mit der europäischen Wirtschaft und der deutschen insbesondere trotz des Zollkonfliktes mit den USA bergauf geht.
Was heißt das für den Anleger?
Gerade in so unsicheren Zeiten wie diesen, ist Diversifikation das Gebot der Stunde. Für Investoren bietet Europa derzeit interessante Möglichkeiten dafür. So können einem globalen Portfolio nicht nur europäische Aktien und Anleihen beigemengt werden, sondern auch Immobilien und Infrastrukturprojekte.
Zollchaos in den USA

Bei dem Hin und Her, das US-Präsident Donald Trump bei den Zöllen anrichtet, ist es ausgesprochen schwer, den Überblick zu behalten. Nach dem Einbruch der Aktienbörsen in Folge der Zollankündigungen am 2. April hat der US-Präsident bereits eine Woche später eine vermeintliche Kehrtwende vollzogen und einige der Zölle ausgesetzt. Nach und nach kommen weitere Ausnahmen hinzu. Also alles halb so schlimm?
Der entscheidende Punkt ist, dass der durchschnittliche Zollsatz gar nicht so stark sinkt, insbesondere weil die Zölle auf chinesische Produkte inzwischen absurde Höhen erreicht haben. Auch wenn sie bereits einen Teil der Verluste wieder wettgemacht haben, insgesamt leiden die Aktienmärkte, und zwar insbesondere der US-amerikanische, unter dem Zollwirrwarr. Noch wichtiger erscheint uns jedoch, was derzeit an den Rentenmärkten passiert.
Während an den Aktienmärkten starke Schwankungen, wie wir sie zuletzt gesehen haben, gang und gäbe sind, geht es an den Rentenmärkten für gewöhnlich deutlich behutsamer zu und die derzeitigen Schwankungen sind ein Zeichen großer Verunsicherung an den Renten- und Währungsmärkten. Eigentlich müssten Zölle den US-Dollar stärken. Tatsächlich beobachten wir einen fallenden US-Dollar, und das, obwohl die US-Renditen zuletzt gestiegen sind.
Offenbar gehen die Anleger davon aus, dass der negative Wachstumseffekt der Zölle stärker als der Inflationseffekt ist. Ein Konjunkturpessimismus macht sich in den USA breit. Das erklärt auch, warum jene Währungen, die gemeinhin als sicherer Hafen gelten, wie der japanische Yen, der Schweizer Franken aber auch der Euro zuletzt deutlich profitieren konnten. Diese Entwicklung könnte darauf zurückzuführen sein, dass mehr und mehr Anleger sich vom US-amerikanischen Markt abwenden und nach Alternativen anderswo suchen.
Was heißt das für den Anleger?
Nun, internationale Anleger sind sicherlich gut beraten, ihre Investitionen global zu diversifizieren und das hohe Gewicht, das die USA zuletzt dank der guten Aktienentwicklung in vielen Portfolios hatten, etwas zu reduzieren. Schließlich kann niemand mit Gewissheit sagen, wie es an der Zollfront weitergeht. Unserer Meinung nach bietet derzeit insbesondere Europa vergleichsweise interessante Anlagemöglichkeiten.
Trumps Zolloffensive schockt die Märkte
Das Jahr 2025 hat ruhig begonnen, aber das war wohl nur die Ruhe vor dem Sturm. Nach dem „DeepSeek“-Schock vor gut einer Woche, den insbesondere die Tech-Aktien noch gar nicht richtig verdaut haben, läuft Donald Trump jetzt zur Höchstform auf. Am Wochenende wurden drastische Zölle gegenüber Mexiko, Kanada und China verkündet. Das jagte am Montag eine neue Schockwelle durch die Märkte, wobei besonders Aktien und Kryptowährungen zu leiden hatten. Der Bitcoin verlor seit seinem Allzeithoch am 30. Januar bis vergangenen Montag rund 12 Prozent. Zwischenzeitlich ist etwas Entspannung angesagt, die Zollanhebungen gegenüber Kanada und Mexiko wurden für einen Monat ausgesetzt, aber das ist keine dauerhafte Lösung. China hat bereits mit Gegenzöllen reagiert. Die Blicke richten sich jetzt nach Europa, vor allem die EU gilt als nächster Kandidat für Trumps Zollkeule.
So gingen am Montag vor allem die Automobilwerte in die Knie, mit Verlusten von bis zu 7 Prozent bei Daimler Truck und Volkswagen sowie 5,5 Prozent bei BMW und 5 Prozent bei Porsche.
Experten setzen auf schnelle Verhandlungen mit den USA, um einen langwierigen Handelskrieg zu vermeiden. Denn der kostet Wachstum, Arbeitsplätze und vor allem Nerven. Die ersten 100 Tage nach Amtsübernahmen von Regierungschefs sind im Normalfall gekennzeichnet durch moderate Töne. Nicht so bei US-Präsident Trump, er macht seinem Ruf alle Ehre und lässt den Rest der Welt erst gar nicht zur Ruhe kommen. Schauen wir mal, was uns die kommenden Tage, Wochen und Monate noch bringen? Vielleicht ist ja auch etwas Erfreuliches dabei, wie z. B. ein Ende des Krieges in der Ukraine!


Newsletter vom 5. Februar 2025
Martin Braun, Börse Hannover

