Die Zahlen hinter der Geruchsbelästigung
Als Investor bin ich der Realwirtschaft grundsätzlich positiv gegenüber eingestellt und hege häufig große Bewunderung für Unternehmensgründerinnen und -gründer sowie für herausragendes Führungspersonal. Im vergangenen Sommer kam es jedoch zu Vorfällen, die bei mir etwas Unmut gegenüber einem bestimmten, in der Nachbarschaft gelegenen Gewerbebetrieb aufkommen ließen.
Dieser Betrieb produzierte seine Waren über Jahrzehnte hinweg weitgehend unbemerkt. Doch im letzten Sommer fiel mir die Anlage erstmals durch eine außergewöhnliche, zuvor so nicht wahrgenommene Geruchsbelästigung auf. Diese war derart stark, dass man den eigenen Außenbereich zeitweise nicht mehr nutzen konnte.
Bevor ich jedoch einen Beschwerdebrief an den Betrieb oder an die zuständige Behörde formulierte, entschied ich mich, zunächst einen Blick in die Geschäftsberichte der „nachbarschaftlichen GmbH“ zu werfen.
Was diese Berichte offenbarten, war eine deutliche betriebswirtschaftliche Enttäuschung. Der Betrieb lieferte bereits seit Jahren schwache Zahlen, und insbesondere die Eigenkapitalquote ließ erkennen, dass das Unternehmen bei der nächsten negativen Entwicklung – etwa steigenden Rohstoffpreisen – in die Insolvenz geraten würde. Auch weitere fundamentale Kennzahlen zeichneten ein düsteres Bild. Also verzichtete ich auf meinen Beschwerdebrief – in der zugegebenermaßen zynischen Annahme, dass der Betrieb vermutlich ohnehin nicht mehr lange mein Nachbar sein würde. Dass es allerdings nur drei Quartale dauern würde, bis ich von der Insolvenz erfuhr, überraschte selbst mich in dieser Geschwindigkeit.
Ich wende fundamentale Unternehmensanalyse in der Praxis an und vermittle dieses Wissen auch in meiner Lehre. Diese Methode ist nicht nur am Aktienmarkt anwendbar, sondern ebenso in der sogenannten „Realwirtschaft“. Deshalb kommt es häufiger vor, dass Coaches, die sich in einem Angestelltenverhältnis befinden und diese Analysemethode erlernen möchten, gemeinsam mit mir die Geschäftsberichte ihrer eigenen Arbeitgeber analysieren.
Diese Momente sind besonders: Manchmal öffnen sie den Angestellten auf positive Weise die Augen – gelegentlich jedoch auch in eine weniger erfreuliche Richtung. Eines steht jedoch fest: Viele hätten die Berichte bereits vor Antritt ihrer Stelle analysieren sollen, um sich ein fundierteres Bild ihres potenziellen Arbeitgebers zu verschaffen.
Wie fatal, dass es kaum Institutionen gibt, die das Wissen über das Lesen und Interpretieren von Geschäftsberichten systematisch vermitteln. Die rund 80 Mitarbeitenden unseres Nachbarbetriebs hätten sich mit diesem Wissen schon Jahre früher nach einem alternativen Arbeitsplatz umsehen können.

