Gesunde Differenzierungen an den Börsen

Carsten Mumm

Die erst wenige Tage an der Börse gehandelten Aktien von SpaceX verloren nach einem anfänglichen Höhenflug rund 25 Prozent an Wert. Der maßgeblich von wenigen Technologieaktien geprägte koreanische Aktienindex KOSPI hatte zuletzt Kurssprünge zwischen 5 und 10 Prozent am Tag zu verzeichnen – in beide Richtungen. Demgegenüber standen deutliche Kursgewinne der US-Technologieaktie Micron Technology. Auch in anderen Sektoren waren erhebliche Kursbewegungen zu verzeichnen. Während Rheinmetall innerhalb eines Tages knapp 20 Prozent an Kurswert einbüßte, stiegen die Aktien von Bayer tags darauf in vergleichbarer Größenordnung an.
Was auf den ersten Blick nach erratischen, kaum nachvollziehbaren Kurskapriolen aussieht, kann auch als sehr differenzierte Vorgehensweise von Anlegerinnen und Anlegern interpretiert werden. Es wird nicht einfach alles gekauft, etwa in der Annahme, das Künstliche Intelligenz künftig jedes Geschäftsmodell beflügeln könnte oder weil eine konkrete Lösung im Streit zwischen den USA und dem Iran und damit für den Schiffsverkehr in der Straße von Hormus erhofft wird. Im Gegenteil, die Hintergründe der beschriebenen Kursbewegungen sind auf jeweils individuelle Parameter und Erwartungen an die einzelnen Unternehmen zurückzuführen. Das ist gesundes Marktverhalten, wenn auch das Ausmaß der Ausschläge beachtenswert ist.

Fundamental verändert hat sich allerdings die Situation der großen US-Tech-Unternehmen. Viele haben in den letzten Jahren mit ihren angestammten Geschäftsmodellen sehr viel Geld verdient und damit hohe Dividenden und Aktienrückkäufe finanziert. Heute wird massiv in Zukunftsfähigkeit investiert. Dabei spielt Künstliche Intelligenz eine zentrale Rolle. Aufgebaut werden Datencenter und Energieversorgung, für die Chips, Rohstoffe, Baumaterialien und Kapazitäten klassischer Industrien benötigt werden. Um die Ausgaben zu finanzieren, wird neues Eigenkapital eingesammelt und durch die Emission von Anleihen Fremdkapital aufgenommen. Es wird sich jedoch erst in den kommenden Jahren zeigen, welche Unternehmen in der Lage sein werden, die enormen Investitionen von heute in ausreichend Gewinne von morgen umzuwandeln. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es in diesem Zuge in einigen Fällen zu Abschreibungsbedarf oder dem Verkauf bereits aufgebauter Infrastruktur und damit Kurskorrekturen kommen. Profitieren können davon aber Wettbewerber, sodass beim Aktienkauf weiterhin stark differenziert werden muss.

Newsletter vom 01. Juli 2026

Carsten Mumm – Chefvolkswirt und
Leiter der Kapitalmarktanalyse
Privatbank Donner & Reuschel

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